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Kolumne Nebenwirkungen 3. November 2010

33 Ärzte

Dreiunddreißig Kumpel wurden nach 70 Tagen aus einem chilenischen Bergwerk befreit. Wären in einer ähnlichen Situation auch dreiunddreißig Ärzte zu retten?

Dass die Bergleute eine so lange Zeit in Finsternis und mit all der Ungewissheit überleben konnten, ist nicht zuletzt auch deren Disziplin und Besonnenheit zuzuschreiben. Denn die Gefahr von Rivalitäten und Revolten in einer abgeschlossenen Gruppe ist groß.

Angenommen, eine Gruppe Mediziner wäre, sagen wir einmal, in einem Laborkeller über mehrere Monate eingeschlossen (da der Portier den automatischen Türöffner verlegt hat, die Nachbestellung des Öffners auf dem Postweg verloren gegangen ist und die zuständige Firma mittlerweile Insolvenz angemeldet hat, sodass mit der Herstellung eines Ersatz-Türöffners erst nach vielen Wochen zu rechnen ist).

Ist eine solche Situation vergleichbar mit jener der chilenischen Bergleute? In jedem Fall wäre diese Konstellation brisanter. Denn derart viele Ärzte auf engem Raum, ohne Patienten als Prügelknaben und ohne Anwälte als Mediatoren, bergen enorme Sprengkraft. Wie verhält sich die unfreiwillig zusammengewürfelte Gruppe? Gilt das Recht des Stärkeren? Des Älteren? Des in der Hierarchie des Krankenhauses höher Stehenden? Wird sich ein Primar, selbst in so einer Krise, jemals das Ruder von einem Famulanten aus der Hand nehmen lassen?

Und sollte es sich um eine interdisziplinäre Gefangenschaft handeln: Welche Fachrichtung eignet sich für die Leitung der Gruppe und etwaige Befreiungsaktionen am besten? Immerhin kann der Internist kombinieren und einen möglichen Fluchtweg planen. Der Orthopäde könnte eventuell ein entsprechendes Loch in die Wand stemmen, wird dies aber aus Prinzip nicht dort tun, wo es der Internist empfohlen hat. Die Radiologen würden mittels Bildgebung genaue Analysen des dahinter befindlichen Gebäudes erstellen. Was zwar hübsch anzusehen ist, jedoch zur Öffnung der Tür nur wenig beiträgt. Die Knopfloch-Chirurgen können das Erlernte sicher hier am besten gebrauchen, um das Schloss zu öffnen. Da die konventionellen Chirurgen jedoch getreu den Leitlinien auf einen großflächigen Eingriff an der Türe beharren, kommt man hier zu keiner Lösung. Der Pathologe punktet mit Scharfsinnigkeit, allerdings erst dann, wenn alle Anwesenden verhungert sind. Wahrscheinlich wäre ein Psychiater die geeignetste Person, um Konflikte, gruppendynamische Keilereien, gegenseitige Schuldzuweisungen und Morde weitgehend zu unterbinden.

Zu hoffen ist lediglich, dass die Befreier auf der anderen Seite nicht nach den Spielregeln der Krankenkassen handeln. Denn dann lässt man sich erst mal Zeit, bastelt an Honorarkürzungen aufgrund der unentschuldigten Abwesenheit und überlegt Sanktionen gegen die 33 Mediziner, die anscheinend verbotenerweise eine Gruppenpraxis betreiben.

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