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Kolumne Nebenwirkungen 27. Oktober 2010

Lasst uns feilschen!

 

Solange wir nicht bereit sind, mit unseren Patienten über ihre Therapien zu verhandeln, wird sich die Compliance im einstelligen Prozentbereich bewegen. Denn letztendlich sind auch die Österreicher ein Volk der Feilscher.

Wenn man in südlichen Ländern weilt, so kommt einem der nette Brauch des Feilschens und Handelns auf Schritt und Tritt unter die touristisch leidgeplagten Füße. Nicht nur in den nordafrikanischen Souks der Medina, in den Basaren, gibt es kaum fixe Angebote. Im Prinzip scheinen sich die meisten Preise als Verhandlungsbasis zu verstehen.

Und da auch Österreich, im Verhältnis zu unseren nördlichen Lieblingsnachbarn, ein südliches Land darstellt, zählen bereits wir für die deutschen Bundesbürger als ein feilschendes Volk. Ein „Nein“ in Deutschland ist ein „Nein“, ein „Ja“ kann man getrost als solches annehmen. Hierzulande bedeutet ein „Nein“ vielmehr ein „Schauen wir mal“. Dies ist durchaus beruhigend: Das letzte Wort ist nie gesprochen und immer bleibt die Hintertür einen kleinen Spalt breit geöffnet, durch die der gewiefte Mensch schlüpfen kann. Auf der anderen Seite bedeutet ein „Ja“ in Österreich noch längst keine Zusage, sondern ebenfalls ein „Schauen wir mal“. Die Unverbindlichkeit gilt in Österreich als Folklore.

Nur in der Medizin herrscht noch eine gewisse norddeutsche Akribie, die bei den österreichischen Patienten naturgemäß auf Unverständnis trifft. Denn hier gibt es plötzlich Grenzwerte beim Blutbefund, über die man nicht drüber darf, hier ist es nicht gestattet, ein klein wenig zu Rauchen, nein, es muss ein striktes Rauchverbot sein, hier darf man nicht einmal seinen ausgewachsenen Diabetes als „ein bisschen Zucker halt“ umschreiben.

Wundert es da wen, wenn sich die Patienten in einem so südländischem Feilscher-Land wie Österreich mit derart strikten ärztlichen Empfehlungen schwer tun? Bringen wir also etwas mehr Lokalkolorit in die unkritisch übernommenen deutschen Guidelines rein. Lasst uns feilschen!

Feilschen will gelernt sein. Vor allem für grenzwertaffine Mediziner. Und so geht es: Man beginnt mit weitaus überhöhten Forderungen. Diese haben den Zweck, den Verhandlungspartner vorerst aus den Socken zu heben. Dann wartet man das völlig unrealistische Gegengebot ab und dreht sich beleidigt weg. Nach einer kurzen Gesprächspause nimmt man die Verhandlungen wieder auf. Dieses Spiel geht so lange, bis man sich in der Mitte auf ein gutes Geschäft geeinigt hat. Und ein gutes Geschäft kann man durchaus auch mit einer guten Infusion begießen.

Zurück bleibt für die beiden Geschäftspartner das Gefühl, einen guten Preis erzielt oder gar den anderen gekonnt über den Tisch gezogen zu haben. Und das fühlt sich weitaus besser an, als ein trockener Grenzwert.

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