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Kolumne Nebenwirkungen 12. Oktober 2010

Aus der Ferne

Wie würde ein forschendes Wesen eines weit entfernten Planeten das Treiben in unseren Krankenhäusern beschreiben?

Erst kürzlich konnte der staunende Leser an dieser Stelle vernehmen, dass ein neuer Planet entdeckt wurde (Sie erinnern sich an den hübschen Namen CoRoT-9b, Ärzte-Woche-Ausgabe 40/2010), außerhalb unseres Sonnensystems. Aufgrund der günstigen Lage ist der nur knappe 1.500 Lichtjahre von Wien entfernte Planet auch als Ausflugsziel für ein verlängertes Wochenende geeignet. Dieser Planet könnte möglicherweise auch Leben beherbergen.

So wäre es nicht allzu weit hergeholt, wenn die dort ansässigen Wesen ebenso die Erde beobachten. Verfügen sie über Teleskope mit ausgezeichnetem Auflösungsvermögen, so gilt ihr Interesse sicher auch den hiesigen Krankenanstalten. Diese dürften interstellar einzigartig sein. Doch aus der Ferne mutet dieses System mitunter wohl etwas befremdlich an. Denn was soll man davon halten, dass Wesen in modischen weißen Gewändern gekleidet (die „Heil-Wesen“) anderen Wesen, in weniger modischen Nachthemdchen (die „Patienten-Wesen“) seltsam geformte Geräte, Schläuche oder spitze Gegenstände in die verschiedenen Öffnungen schieben? Oder dass die einen Wesen die anderen Wesen betäuben, um sie aufzuschneiden und mal nachzusehen, wie es in deren Inneren so aussieht?

Lustig ist es sicherlich auch, die Chefvisite aus extraterrestrischer Perspektive beobachten zu können: Etwa wenn ein weißes Erden-Heil-Wesen vom Typ Alpha von Zimmer zu Zimmer geht, all die anderen weißen Wesen, anscheinend untergeordnete Beta- bis Omega-Mitglieder der Gemeinschaft, diesem wie die Lemminge über Gänge, Stiegen, Patientenbetten und Patienten folgen.

Vielleicht kommen die Forscher von CoRoT-9b ja einmal dahinter, dass es sich bei diesen großen Gebäuden um Heilanstalten handeln könnte. Schließlich werden kranke Wesen hineingeschoben, gesunde Wesen gehen wieder heraus. Allerdings wird diese Theorie spätestens dann in Frage gestellt, wenn auch beobachtet wird, dass noch halbwegs Gesunde in diese Stätte hineingehen, jedoch krank wieder herauskommen.

Sehr begehrt dürften diese Wesen in den weißen Mänteln allerdings sein, so die Auffassung der extraterrestrischen Astronomen. Denn auf ein solches Heil-Wesen kommen in kleinen Heilanstalten, auch Ordinationen genannt, eine Vielzahl Heilwilliger, die im Warteraum Platz nehmen und – so scheint es – darauf warten, sich mit dem Alpha-Heiler zu vereinigen.

Wahrscheinlich können die CoRoT-9b-ianer diese rätselhaften Vorgänge auf dem kleinen blauen Planeten nie ganz enträtseln. Und selbst wenn es ihnen einmal gelin-gen sollte, uns einen Besuch abzustatten: Wer von uns könnte ihnen sagen, wie bei uns das ganze medizinische System eigentlich funktioniert …?

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