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Kolumne Nebenwirkungen 14. September 2010

Das Original muss es sein!

Der Mensch ist in seinem Konsumverhalten wie ein Herdentier. Er will, so wie alle anderen auch, ein Originalpräparat haben.

Nach der Sommerpause sollte man sich, so man im Besitz eines schulpflichtigen Nachwuchses ist, mit dem Konsumverhalten kleiner Menschen auseinandersetzten. Und da wir nun einmal jenes Modell sind, an dem sich unsere Kinder anfangs orientieren, spiegelt sich der eigene Kaufrausch auch in den Sprösslingen wider.

So streben die Jüngsten beim Einkauf für die Schule zielstrebig auf die aktuellste Kollektion. Konnte man in den ersten Schuljahren noch auf Produkte, die Dinosaurier, Prinzessinnen oder einen Mann, der „ein wenig so aussieht, wie Batman“ aufgedruckt hatten, verweisen, so werden die Verhandlungen in den darauffolgenden Jahren zusehends härter. Und ist dann eine Eastpak-Schultasche oder ein Burton-Rucksack „en vogue“, so kann man sich seine „hübschen und praktischen, aber doch auch preisgünstigen“ Ranzen in die Haare schmieren. Das Argument „alle anderen Kinder in der Klasse haben das auch“ ist bei den meisten Eltern ein Door-Opener, denn niemand möchte seinen Sprössling frühzeitig in die Kälte des Individualismus entlassen.

Mit dem fadenscheinigen Argument, dass das Skateboard sogar quer hinein passt, wird die Markenware gekauft; in vollstem Bewusstsein, dass das gute Stück weder den kommenden Herbst noch das quer eingelagerte Skateboard überstehen wird. So zücken die Eltern dieses Landes ihre geplagten Brieftaschen und bezahlen.

Nun zu unseren Patienten. Sie sind das Produkt einer den Modezwängen unterworfenen Schullaufbahn. Es geht nicht mehr um den Original-Rucksack, sondern das Originalpräparat. Schließlich möchte man auch hier in der vordersten Liga mitspielen. Der missgünstige Blick, wenn wir Ärzte auch nur im Ansatz versuchen, das Medikament, das „alle anderen auch haben“ gegen ein Billiges zu tauschen, bringt ihren Weltschmerz zum Ausdruck. Nicht auszudenken, wenn beim Tabletten-Poker im Cafehaus die Nachbarin mit dem Originalpräparat aufwarten kann, man selbst jedoch nur ein Blatt mit Generika hat. So zücken die Krankenkassen dieses Landes ihre geplagten Brieftaschen und bezahlen.

Doch bevor wir unsere Patienten zur Sparsamkeit ermahnen, wäre auch ein wenig Selbstreflexion angezeigt. Denn das Stethoskop um den Hals sollte zumindest ein Lithmann-L auf der Membran zieren; ein Mobiltelefon ohne angebissenen Apfel (auf gut Deutsch ein Apfelbutzen) kommt nicht ins Haus, und auch der fette Geländewägen mit 450 PS für die Visiten im Hochgebirge der noblen Randbezirke Wiens braucht Ringe oder einen Stern. Damit der Arztkoffer sogar quer in den Kofferraum passt. So gesehen sind wir froh, dass die weißen Ärztemäntel wie Bußgewänder bescheiden einheitlich und ohne Markenembleme gestaltet sind. Doch Karl Lagerfeld arbeitet angeblich schon an einer Kollektion ...

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