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Kolumne Nebenwirkungen 8. September 2010

Beackern wir das „Frühfeld“

Die Schule beginnt und somit sind auch die Eltern wieder in Amt und Würden, um ihre Sprösslinge zur Jahreseingangsuntersuchung zum Arzt zu schleifen.

So wie man es von den jährlichen Überprüfungen der Autos kennt, werden auch die Kinder einer regelmäßigen Kontrolle unterzogen. Dies ist enorm wichtig, um alles „im Frühfeld“ zu erkennen.

Das Frühfeld ist für mich ein äußerst poetischer Ausdruck, den man in manchen weltliterarischen Abstracts noch findet. Dieses Feld war einmal eine schöne große Wiese, die voll von pathologischen Blüten war. Man konnte sogar die eine oder andere ganz seltene Störungsblume entdecken. Nun wird es von Heerscharen an Ärzten unterschiedlichster Disziplin beackert – sogar maschinell. Und kaum ragt ein Grashälmchen aus dem Boden wird es schon abgeschnitten, durchleuchtet und mittels gentechnisch modifizierter Quantenelektrophorese auf seinen Krankheitswert untersucht. Dies mag im Einzelfall zielführend sein, romantisch ist es jedoch keineswegs.

So pilgern die Eltern mit dem Nachwuchs im Schlepp in die Ordinationen, um das Frühfeld auf Unkraut zu untersuchen. Wenn die Zähne etwas zu schief, zu lang oder zu behaart sind, so greift der Kieferorthopäde beherzt und freudig ein. Ein etwas gesenkter Spreizfuß mit Knick im Aszendenten ruft Orthopäden und die beliebt berüchtigten Einlagen auf den Plan. Und für das Unvermögen, 360 Minuten ohne zu zappeln am Sessel zu sitzen, gibt es eine Extraportion Ritalin in die Jausenbox. Denn es will sich niemand – schon gar nicht Eltern oder Ärzte – den späteren Klagen der herangewachsenen Kinder stellen: Wenn sie sich dann über die fahrlässig übersehenen Zahnlücken und Plattfüße beschweren oder das Wort „Aufmerksamkeitsdefizitstörung“ nicht zu Ende bringen, ohne zu Gähnen.

Manche Patienten und deren Ärzte sind allerdings regelrecht – nach allen Kriterien des Suchtverhaltens – süchtig nach solcher Vorsorge. Auch Dosis und Frequenz der Untersuchungen müssen immer weiter gesteigert werden, um hier Befriedigung zu erlangen. Um Missverständnissen vorzubeugen: Vorsorge ist angebracht. Und das Motto „So lange ich noch nicht über meinen Prolaps stolpere, geh ich noch lange nicht zum Arzt“ kann ins Auge gehen. Doch wenn die natürliche Großwerdung zu einem pathologischen Korrelat mutiert, könnte es unlustig werden: Dann gibt es etwa bald keine „Pubertierenden“ mehr, sondern nur mehr „abnorm rasch wachsende Patienten mit manisch-depressiver Störung und pustulösen Hauteffloreszenzen“.

Daher gehört das Frühfeld beackert und ausreichend mit Chemikalien gespritzt. Damit die Ernte gesund und vor allem keimfrei ist.

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