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Kolumne Nebenwirkungen 25. August 2010

Die Ringfinger-Parabel

Die Redewendung, dass gesunde Menschen nur nicht gründlich untersucht wurden, kommt nicht von ungefähr. Denn irgendetwas weicht immer von der Norm ab. Sogar die Norm.

Immerhin bietet diese Differenz zwischen Krankheit und Gesundheit eine ausreichend große ökologische Nische für verschiedenste Berufsgruppen: Ärzte, Pharmazeuten und Schreiber satirischer Medizinkolumnen tummeln sich darin und verdienen so ihren Lebensunterhalt. Insofern ist es gar nicht allzu erstrebenswert, wirklich alle Menschen gesund zu machen.

Jede Befindlichkeitsstörung, sei sie noch so marginal, will einer Behandlung unterzogen werden. Etwa der schiefe Ringfinger. Vielen Menschen fällt jahrelang nicht auf, dass ihr Ringfinger nicht ganz so kerzengerade ist wie eben eine Kerze. Sollten Sie gerade dabei sein, sorgenvoll Ihren eigenen Ringfinger zu betrachten, so haben wir schon das erste wesentliche Kriterium für die Krankheit: den Leidensdruck. Selbst wenn der Finger gerade ist. Diesen Druck gilt es zu lindern. Neben einer Psychotherapie bietet sich auch die initiale Verordnung eines Antidepressivums an. In hartnäckigen Fällen kann auch das Gefühlszentrum des limbischen Systems verödet werden. Selbsthilfegruppen gibt es kaum, zumal sich die wenigsten Betroffenen aufgrund der Stigmatisierung zu ihrem Leiden bekennen.

Bis vor einigen Jahrzehnten war man dieser entstellenden Fehlstellung noch hilflos ausgeliefert. Man galt als nicht heiratsfähig, da der Ehering nicht über den krummen Finger passte. In speziellen Kuranstalten versuchte man, mit Fingerbädern im Weichspüler die Siechenden von ihrem Leid zu befreien. Heute können die Betroffenen dank modernster mikrochirurgischer Intervention zumindest weitgehend ein normales Leben führen. Die Therapie ist aufwendig und kostspielig, die Kasse zahlt bislang lediglich für den kleinen Finger. Die Behandlung richtet sich in der Regel nach dem Schweregrad der Verschuldung des behandelnden Ärzteteams. Die Amputation des Ringfingers gilt als Ultima ratio.

Der schiefe Ringfinger wurde 2010 übrigens in die Liste der unabhängigen Risikofaktoren für den schiefen Mittelfinger aufgenommen. Durch die permanente Fehlstellung lässt sich nämlich eine arthrotische Veränderung und damit eine Versteifung desselben nicht ausschließen. Was im Fall des Mittelfingers zu gefährlichen Situationen im Straßenverkehr aufgrund der Verwechslungsgefahr mit einer beleidigenden Geste führen könnte. So klein kann kein Wehwehchen sein, als dass man ihm nicht die geballte Aufmerksamkeit des medizinischen Systems zukommen lassen sollte.

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