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Kolumne Nebenwirkungen 17. August 2010

Sie sind wieder da!

Unsere Patienten sind aus dem Urlaub zurückgekehrt und verharren brav in den Wartezimmern, um ihre entleerten Medikamentenspeicher für den Herbst wieder aufzufüllen.

Sie sind also wieder da, unsere Patienten. Oft merkt man erst im Sommer, mit wie wenig medizinischer Grundversorgung ein Land auszukommen imstande ist. Denn nicht nur die Ärzte weilen außer Landes, auch deren Patienten – ohne Betreuung. Und es geht den meisten nach den Sommermonaten gar nicht mal so schlecht. Was ein wenig zum Nachdenken anregen sollte.

Doch nun füllen sich die Wartezimmer wieder. Die Patienten kommen direkt aus dem sonnigen Süden (und den All-inclusive-Clubs mit all den üppigen kardio-kontraproduktiven Buffets) in die Praxis. Und sie haben nichts von dem begriffen, was wir ihnen vor den Ferien so eindringlich ans Herz gelegt haben: Sie haben in der prallen Sonne ihre Haut zum Glühen gebracht. Sie haben sich den Sangria kübelweise in die angegriffenen Mägen geleert und sich von Kopf bis Fuß mit Henna-Tattoos bemalen lassen. Sie haben Donna Leon gelesen, statt unsere Broschüre zur Senkung des Cholesterinspiegels. Und auch die Medikamente gingen bei den meisten Patienten bereits bei der Anreise an den Urlaubsort zur Neige, sodass sie sich gezwungen sahen, ihr Simvastatin forte durch Cuba libre zu ersetzen.

Auszeit von der Medizin

Im Urlaub nimmt man sich eine Auszeit – auch von ärztlichen Ratschlägen. Denn da dürfen sich Körper und Seele medizinisch erholen: von Nadelstichen und radiologischen Durchleuchtungen, von Einreibungen der Haut und Abreibungen der Oberschwester.

Und so besteht kein Anlass, wehzuklagen ob der Disziplinlosigkeit der Patienten. Freuen wir uns doch mit ihnen. Vor allem, weil in Anbetracht der nicht befolgten Therapien deren Blutwerte bei weitem nicht so übel sind, wie befürchtet. Unsere Schäfchen fühlen sich nach dieser Auszeit auch irgendwie gesünder. Zumindest bis zum ersten Arztbesuch.

Wie kann man also diese wundersame – zeitlich limitierte – Genesung aus dem Urlaub herüber retten? Sollen wir uns lustige Hawaii-Hemden über die Kittel anziehen, Sonnenliegen im Wartezimmer aufstellen und das Kübelsaufen in der Ordination anbieten?

Vielleicht genügt es einfach, die Unverkrampftheit der Ferien in den medizinischen Alltag einfließen zu lassen. Wenn der Alltag schon Stress fordert, so sollte ein Arzt- und Klinikbesuch zumindest eine kleine Ferieninsel sein, kein paramilitärisches Bootcamp. Und da Kranksein zum Leben dazu gehört, kann man dies auch mit einer gewissen Entspanntheit genießen. Und der Arzt ist dabei Animateur.

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