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Kolumne Nebenwirkungen 26. Mai 2010

Doctor’s Little Helpers

Das Gute liegt so nah. Und das Naschen aus dem Medikamentenschrank ist für Ärzte zumindest verlockend. Dabei reicht das Spektrum von der klassischen Sucht bis zum groben Unfug.

Seien wir uns ehrlich: Wer hat noch nie von den Früchten gekostet, die er seinen Patienten anbietet? Zumindest ein wenig genascht von den Mittelchen, die Heil und Wohlergehen versprechen (für Nicht-Ärzte: Welcher Hundebesitzer hat noch nie vom Trockenfutter seines Vierbeiners abgebissen?). Und haben wir als Mediziner nicht auch die Pflicht, in heldenmutigen Selbstversuchen Substanzen auszuprobieren, um sie nachher guten Gewis-sens unseren Schäfchen weiter zu empfehlen?

Warum nicht auch einmal in den Genuss kommen, mittels Muskelrelaxantien etwas entspannter in der Praxis zu sitzen, sich in den Pausen einen kleinen Einlauf zwischendurch zu gönnen oder diese ganzen gedächtnisfördernden Präparate zum besseren Verständnis der Kassenformulare zu konsumieren? Ganz zu schweigen von der Möglichkeit, mittels Abführmittelchen und Schlankheitspillen während der Arbeitszeit etwas für seinen Körper zu tun.

So hat, wie man gut informierten Kreisen entnehmen kann, eine Vielzahl an Ärzten – meist Off Label oder zumindest in einer völlig unorthodoxen Art und Weise – das eine oder andere Ärztemuster an sich selbst angewandt. Von der Einnahme einer Blutdrucktablette wegen diesem Schwitzen über das kleine Neuroleptikum zum besseren Dösen beim Flug nach Übersee bis hin zum einmaligen Verzehr eines Antibiotikums, weil die Nase so rinnt. All die Einnahmevorschriften, die wir unseren Patienten in stundenlanger Aufklärung zu vermitteln versuchen, prallen an uns selber ab.

Am interessantesten sind natürlich Medikamente, die einen zweifelhaften Ruf haben. Angefangen von Mittelchen zur Wiederherstellung und Aufrechterhaltung des männlichen Stehvermögens über Präparate, die ein besonderes langes Beischlafvergnügen versprechen, bis zu Substanzen, die die eine oder andere lustige psychodelische Nebenwirkung haben. Und so werden die netten Vertreter der pharmazeutischen Industrie bezirzt, auch einmal andere Dinge rauszurücken als einen öden Magenschutz.

Von der Neugier zur Gewohnheit sind es nur ein paar Haustüren. Und nicht nur die Patienten lassen sich ihre „Little Helper“ freiwillig nicht wieder aus der Hand nehmen. Vor allem, wenn das Burn-out an die Praxistüre klopft: Das ärztliche Suchtpotenzial ist – aufgrund der vielen Mittel in unmittelbarer Griffweite – nicht zu unterschätzen. Historisch gibt es dazu eine Reihe von Beispielen.

Schließlich sind Ärzte auch nur Menschen. Und unter all den dicken Zuckerbäckern, alkoholkranken Winzern oder depressiven Kabarettisten sind sie in guter Gesellschaft.

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