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Kolumne Nebenwirkungen 19. Mai 2010

Nachruf auf den "Onkel Doktor"

Die Rückkehr zum einfachen Kranksein – das wünschen sich Patienten und ihre Ärzte. Doch noch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit waren Krankheiten derart komplex.

So trauern viele Patienten heutzutage dem guten alten Hausarzt, dem "Onkel Doktor" nach. Der die Krankengeschichten ganzer Familien abrufbereit im Kopf hatte und aus erster Hand – in seiner Funktion als Saufkumpane – über die Trinkgewohnheiten seiner Patienten Bescheid wusste. Dessen beste Therapie "ein gutes Wort" war. Der selbst um drei Uhr nachts, vielleicht etwas brummend, jedoch verlässlich, an das Krankenbett eines schnupfenden Bürgers kam, um sich dann mit den Worten "Schonen Sie sich und trinken Sie mehr" zu verabschieden. Die Bezahlung wurde mit der Abgabe eines kleinen Zirbengeistes oder ein paar Eiern „upgegraded“.

Heute ist der Hausarzt Teil und mitunter auch verlängerter Arm des medizinischen Systems. Und dem Gesundheitswesen möchte kein Patient aus Dankbarkeit ein kleines Schnapserl anbieten.

Der aus dem Bauch heraus behandelnde Hausarzt ist ein anachronistisches Wesen. Denn weder die Verordnung von Essigpatscherl noch der Hinweis, das Zimmer gut zu lüften, geschweige denn der Ratschlag, sich nicht alles so zu Herzen zu nehmen, finden sich in den wissenschaftlichen Leitlinien. Und wer diese ignoriert und frei improvisiert, begibt sich auf juristisches Glatteis.

Ohne einer genauen Dokumentation läuft heute rein gar nichts. Und genügte in früheren Zeiten eine ärztliche Tagebucheintragung alla "Habe heute Herrn Müller eine Harke aus dem Jochbein entfernt. Müller wohlauf, Harke kaputt", so hätte eine derartige Formulierung Anfang des 21. Jahrhunderts vor keinem Gericht dieses Landes bestand.

Denn wurde tatsächlich lege artis behandelt? Warum wurde nicht sofort ein Facharzt hinzugezogen? Zumindest ein Dozent für Unfallchirurgie, Subdisziplin Harkologie? Zudem hatte der Hausarzt gar nicht die Berechtigung, die Harke zu entfernen, sodass hier nun keine Honorierung erfolgen kann. Müllers Bruder, Rechtsanwalt und Kenner der Szene, bereitet indes eine Klage zur fahrlässigen Beschädigung einer Harke vor.

Der "Onkel Doktor" wird also einen Teufel tun, hier selbst tätig zu werden. Der gewiefte Arzt von heute überweist. Letztendlich möchten auch die Patienten nicht mehr auf die mutmaßliche Sicherheit der vielen tollen Geräte verzichten, die ein Bergdoktor nun mal nicht mitführt, wie einen Ultraschall, eine MRT oder eine 64-Zeiler-CT. Zugegeben: Die Augen des Arztes haben eher drei Dioptrien als 64 Zeilen. Doch all die Untiefen eines kranken Menschen lassen sich nicht einmal mit der modernsten Röhre ergründen.

So bekommt jeder den Arzt, den er verdient. Statt einem stolzen Landarzt im besten Fall einen freundlichen Überweiser.

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