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Kolumne Nebenwirkungen 12. Mai 2010

Nachbarschaftshilfe unter Ärzten

Nicht nur Staaten, auch Ärzte brauchen bei finanziellen Krisen die Solidarität der besser verdienenden Kollegen.

Wenn ein Nachbarstaat finanziell ins Straucheln gerät, wie etwa G. (Name der Redaktion bekannt), so greift die- sem die Staatengemeinschaft, in der Hoffnung auf ewige Dankbarkeit, unter die Arme. – Auch Ordinationen können an den Rande des Ruins gelangen. So ist es heute gar nicht ungewöhnlich, wenn eine Praxis geschlossen wird, um einem Fast-Food-Restaurant Platz zu machen, in dem der Mediziner praktischerweise auch gleich weiterarbeitet. Daher sollte auch ein vermehrtes Maß an Solidarität unter den Ärzten herrschen.

Nehmen wir das Beispiel einer Kleinklinik eines plastischen Chirurgen mit diesen beliebten Marmorsäulen in der Wartehalle. Im Nebenhaus befindet sich eine Kinderarztpraxis, in der es zwar von kleinen Patienten, nicht jedoch von großen Geldern wuselt. Auf der anderen Seite haust ein Allgemeinmediziner mit kleinem Kassenvertrag für die „Versicherung der Arbeiter und Angestellten der Österreichischen Kernkraftwerke“. Der Kollege steht, gleich einem italienischen Wirt, mit verschränkten Armen vor der Tür seiner Praxis und wartet auf Kundschaft. Drei Ärzte, drei Schicksale.

In diesem Fall ist es daher angebracht, den besser verdienenden Kollegen etwas in die Pflicht zu nehmen. Und der Kollege weiß auch, was sich gehört: So wird von ihm einmal im Jahr ein Kunde auch zum Blutdruckmessen an den allgemeinmedizinischen Nachbarn geschickt – kleine Geschenke erhalten schließlich die Freundschaft. Und die Überstände der kleinen Beluga-Kaviar-Döschen, die als Giveaways für die Patienten vorgesehen sind, gibt er an den Pädiater ab, der sich damit die Anschaffung der teuren Zuckerl für die Kinder erspart. Auch sieht der plastische Mediziner manchmal von einer Anzeige ab, wenn die rostigen Autos der beiden Kollegen, wieder mal zu nahe an der Ausfahrt der Klinikgarage geparkt sind und den SUV daran hindern, schnei-dig abzubiegen.

Natürlich wäscht eine Hand die andere und der Kinderarzt ist höflich dazu angehalten, bereits den Volksschüler die Vorzüge einer Nasenkorrektur oder einer Fettabsaugung näher zu bringen und seine Patienten zwecks Modellierung an den Schönheitschirurgen zu überweisen. In jedem Fall ist Nachbarschaftshilfe eine Investition in die eigene Zukunft. Denn niemand kann sagen, wie lange sich das Geschäft mit der Schönheit hält. Bei der Überalterung der Gesellschaft hat vielleicht der Allgemeinmediziner irgendwann einmal die Nase vorn. Und wenn der Pädiater das angedachte Zusatzfach „geriatrische Pädiatrie“ absolviert hat, könnte auch dieser Kollege in Reichtum schwelgen, während der plastische Chirurg auf seinen gestrafften Hinterteilen sitzen bleibt. Seid daher nett zu euren Nachbarn! Man kann nie wissen, wozu es gut ist.

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