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Kolumne Nebenwirkungen 7. April 2010

Der gestrenge Kodex

Ärzte und Pharmaindustrie: Der Grat zwischen beinharter Korruption und zärtlicher Zuwendung ist sehr schmal.

Natürlich gab es in den vergangenen Jahren ab und an einige Ungereimtheiten. Wurde doch manch ein Kollege samt siebenköpfiger Familie für drei Wochen auf die Malediven eingeladen, nur damit er seinen Patienten das Antibiotikum „Keim-Kill 2000“ und nicht den Konkurrenten „Bakteri-Weg Forte“ verordnet. Da häuften sich Beschwerden zu den unerlaubt über die Ordinationstische verschobenen Präsenten, Goldbarren oder Viagra-Ärztemuster. Die Gerüchteküche brodelte, das Denunziantentum florierte.

Dem Vorwurf der Korruption wollten sich die beschuldigten Parteien nicht länger stellen. Und so wurde im gegenseitig knirschenden Einverständnis ein freiwilliger Verzicht auf Zuwendungen aller Art beschlossen. Der Ehrenkodex für Ärzte, der nicht so sehr auf Hippokrates, sondern auf den schnöden Mammon Bezug nimmt, wird nun strikt eingehalten (so geht zumindest die Pharma). Dennoch steht mitunter ein blauäugiger Arzt vor dem Maserati mit der Geschenkschleife und zweifelt (zumindest für Sekundenbruchteile) an der Korrektheit seiner Entscheidung, hier zugegriffen zu haben. Um sich als Mediziner einen Überblick verschaffen zu können, ob man nun ein Geschenk annehmen darf oder dies schon zu einer mafiös-korrupten Handlung zählt, soll diese Kolumne als kleine Serviceleistung Hilfestellung bieten:

Natürlich wird niemand einen Bestechungsversuch orten, wenn Ärzte zu Weihnachten von den Partnern aus der Wirtschaft Post-it-Heftchen oder eine handgeschöpfte Schokolade erhalten. Etwas verdächtiger sind da schon Scheck-Heftchen oder handgeschöpfte weiße Trüffel.

Was ist also erlaubt? Im Zweifelsfalle ist die goldene Regel der drei Ks anzuwenden. „Kugelschreiber, Kalender, Klumpert (dt. Krempel)“. Wobei die Grauzone zwischen Einmal-Kuli und Montblanc-Schreiber bzw. zwischen billigem Stehkalender und Cordovan-Leder gebundenem Filofax recht breit ist. Denn auch eine neue Rolex kann mitunter als „Klumpert“ verbucht werden.

Selbst immaterielle Werte sind mit Vorsicht zu genießen. Wird man etwa mit Ruhm und Ehre bedacht, bekommt eine Professur an der University of Togo oder eine Nennung als Erstautor im renommierten „Great Medical Issue of Scientific Treatment“ (Great MIST), so kann man auch dies als Bestechung verstehen.

Die Zukunft wird zeigen, wie sich die Limitsetzung bei kleinen Aufmerksamkeiten für die Ärzte auswirken wird. Schließlich kann man zu Ostern und Weihnachten auch etwas basteln. Die Angestellten der pharmazeutischen Industrie werden dafür wohl auch ein wenig ihrer Frei-zeit opfern müssen. Und so wechseln bald selbstgehäkelte Topflappen, gebatikte Ärztemäntel oder Bleistifthalter aus bemalten Klopapierrollen den Besitzer. Und ganz Geschickte können sogar einen Maserati zusammenbasteln.

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