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Kolumne Nebenwirkungen 30. März 2010

Behandlung aus weiter Ferne

Die Telemedizin birgt ungeahnte Möglichkeiten.

Fernbehandlungen gab es schon in der guten alten Steinzeit. Die erste uns bekannte Konsultation kam vom österreichischen Homo erectus Franz Woproschalek, dem ein Mammut auf den Fuß gestiegen war. Der zu Hilfe gerufene Arzt Prim. Prof. Dr. Herbert Woproschalek (Anm.: aufgrund der geringen Personenanzahl in der Sippe nicht nur namensverwandt mit dem Patienten) konnte jedoch nicht zu dem Verunfallten in die Schlucht steigen und warf ihm zwei Steine Aspirin (bekanntlich kannte man damals keine andere Galenik) hinunter.

Mit der Erfindung des Telefons durch Alexander Graham Bell erlebte die längst vergessene Fernbehandlung im 19. Jahrhundert einen neuen Aufschwung. So wurde in späteren Jahren nicht nur eine Gesichtslähmung durch zu häufigen Handy-Gebrauch nach ihm benannt (Bell’sche Parese), nun konnte auch endlich im großen Stil über weite Strecken hinweg ärztlich gehandelt werden. So ließen sich Symptome über das Telefon schildern und medizinische Ratschläge erteilen. Dies ersparte Patienten lange Wartezeiten und Ärzten noch längere Anreisen. – Dennoch blieb immer ein Rest an diagnostischer Unsicherheit zurück, da man den Patienten nie zu Gesicht, höchstens zu Gehör bekam. Und trotz kreativen Versuchen, Herztöne, trockene Rasselgeräusche aus der Lunge oder sonstige Rasselgeräusche aus dem Darm über den Telefonhörer zu übermitteln, blieb doch immer ein diagnostisches Restrisiko.

Nun ist die Medizintechnik so weit, auch EKG-Daten, Blutzuckerspiegel oder auch den Grad der sexuellen Erregung der Patienten über Tausende von Kilometern zu senden. Derart abgesichert, kann man getrost einen Hausarzt mit Wohnadresse in Boston wählen. Zumal die Übertragung nicht nur unidirektional funktioniert: So kann per Videobotschaft des behandelnden Arztes eine Anleitung zur korrekten Anwendung der telemedizinischen Endoskopie gegeben werden. Dabei wird eine kleine Webcam mit entsprechend langem Kabel entweder geschluckt oder auch in das aborale Ende des Verdauungstraktes eingeführt. Nach Möglichkeit sollte diese Reihenfolge auch eingehalten werden. Der Arzt kann dann die Bilder aus dem Körperinneren live analysieren und dem Patienten Anweisungen geben, ob die Kamera weitergeschoben oder zurückgezogen werden soll.

Selbst Operationen sind über ferngesteuerte Roboter technisch mittlerweile machbar, sodass früher oder später auch Chirurgen von zu Hause aus ihrer Arbeit nachgehen können. Das Skalpell wird dabei per Joystick von der Couch aus gesteuert, der Anästhesist vor Ort kann bequem mit kleinen elektrischen Schlägen aus der Ferne diszipliniert werden. Das spart Zeit und Geld und macht mindestens ebenso viel Spaß.

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