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Kolumne Nebenwirkungen 9. Februar 2010

NebenWirkungen - Unverlässliche Patienten und raffgierige Ärzte

 

Der Kampf um die Verrechnung unentschuldigt verpasster Arzttermine erregt die Gemüter. Doch sie sollten sich rasch abkühlen, bevor die Situation eskaliert.

Das war wieder eine Aufregung. Ging es doch darum, ob es sinnvoll oder doch moralisch verwerflich sei, Patienten bei unentschuldigtem Nichteinhalten eines Arzttermins zur Kasse zu beten.

Die Fronten sind verhärtet: Die Ärzte klagen über Verdienstentgang, wenn in der Ordination ein komplettes Operationsteam, inklusive Radiologe, Histologe und Rechtsanwalt, nur noch auf den aufschneidewilligen Patienten wartet, der jedoch durch Abwesenheit glänzt und sich in der Zwischenzeit tanzend in einer Conga-Schlange auf den Malediven seines Lebens freut. So jammert die „Ohne Geld ka Musi“-Fraktion über den finanziellen Verlust und die Blamage, in der Ordination als König ohne Untertan sinnlos zu warten. Auf der anderen Seite fragen sich Patienten von der „Ohne Musi ka Geld“-Fraktion, wo man denn hinkäme, wenn man für eine nicht erhaltene Leistung etwas hinblättern muss.

Dabei haben irgendwie beide Seiten recht. Ich möchte auch keine Lösungen anbieten. Zumal dann Jahre später, wenn diese Kolumne ausgegraben wird, meine tollen Lösungsvorschläge so oder so gegen mich verwendet werden können. Ich möchte nur als Mahner ein kleines Zukunftsszenario schildern, so sich die Parteien nicht auf eine kompromissbehaftete, einvernehmliche Lösung einigen können. Müssen Ärzte einmal an ihre Praxiseingänge Tafeln mit der Aufschrift „Nix operier'n, trotzdem kassier'n“, Patienten mit umgehängten Schildern „Ich bin ein Arztversetzer“ durch die Straßen wandern, so ist dies nur die Spitze des Eiszeitberges. Patienten werden sich organisieren, sich für Schönheitsoperationen und Ohrenspülungen anmelden, jedoch nicht zum vereinbarten Termin erscheinen. Die Ordinationen schlittern reihenweise in den Konkurs.

Doch Vorsicht: Wir Ärzte sitzen am längeren Hebel der Spritze. Denn neben dem entgangenen Salär muss natürlich auch die psychische Demütigung des Mediziners, schlicht und einfach versetzt worden zu sein, abgegolten werden. Dazu verabreden sich der Arzt und der unartige Pati-ent zu einer Koloskopie, der Patient wird jedoch dabei aus erzieherischen Gründen versetzt und muss mit entblößtem Hinterteil eine Stunde lang auf die Absage des Arztes warten, bevor er sich unverrichteter Dinge wieder ankleiden darf. So weit sollte es nicht kommen. Wir werden wie immer einen Weg finden, auf den sich die streitenden Parteien einigen können. Denn in Wahrheit kann der eine ohne den anderen nicht existieren. Kein Mensch wäre ohne seine Patienten Arzt, kein Mensch ohne seine Ärzte Patient. Womit wohl alles gesagt wäre.

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