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Kolumne Nebenwirkungen 20. Jänner 2010

Generation 60plus

Anti-Aging, frei übersetzt "weg mit den Alten", liegt voll im Trend. Heute haben wir es mit den "neuen Alten" zu tun. Dies erfordert auch von uns Ärzten ein Umdenken.

Die Generation 60plus war vor nicht allzu langer Zeit wirtschaftlich völlig uninteressant. Omi besaß zwar früher noch ihren sagenumwobenen Sparstrumpf, nach dem all die lieben Erben (nach Omis Ableben) suchten, wie nach dem heiligen Gral, doch für den Handel war diese Altersgruppe schlichtweg irrelevant. Denn was die gesunde Volkswirtschaft benötigt, sind "neue Alte" oder zumindest "jung gebliebene" oder wenigstens "rüstige", bei denen die Euros nicht in der Sackgasse landen. Und in der Tat haben die Senioren unserer Gesellschaft mittlerweile einen hohen finanziellen Sex-Appeal.

Die neue alte Generation ist spendabel. Geld wird von den Rentnern dermaßen unverschämt in die Wirtschaft gepumpt, dass die Berufstätigen einen massiven Neides-Ikerus somatisieren. Waren es vor vielen Jahren noch ein paar Schillinge, die den Enkerln zu den Festtagen zugesteckt wurden, oder jubelten höchstens die Frisierstuben, die vor Weihnachten von den betagten Dauerwellenjunkies gestürmt und damit finanziell subventioniert wurden, so investiert selbst die Generation 80-plus heute in High-Risk-Fonds oder in eine neue Golfausrüstung. Denn wer nicht zum alten Eisen gehören möchte, möchte auch keine alten Eisen besitzen.

Die 60-Jährigen von heute ...

Tatsächlich gehören rein rechnerisch Menschen jenseits des 60. Lebensjahres einer Generation an, die die späten wilden Sixties als Teenager mit erlebten, nackt im Schlamm tanzten und Marihuana mit der Schulmilch zu sich nahmen. Diesem Umstand müssen wir Ärzte auch gerecht werden. Denn Patienten aus dieser „Talkin’ ’bout my“-Generation werden sich zusehends weigern, zum verordneten Unterwassertreten ins Kurhaus zu pilgern oder einen Vortrag über „Hüftbeschwerden Pro und Kontra“ beizuwohnen. Vielmehr sind sie geneigt, mit i-Pod in den Ohren und Harley-Davidson am tätowier-ten Hintern dem Sonnenuntergang entgegen zu flüchten.

Dies kann zu einer gewissen sozialen Drucksituation jener Menschen führen, die lieber einen beschaulichen Lebensabend mit Spaziergängen statt Nordic Walking, Turnen statt Work-Out und Heimatabenden statt einer Rafting-Challenge mit anschließendem Après-Clubbing bei Technosounds verbringen möchten. Allerdings kennen viele dieser Personen eine solche Drucksituation bereits aus den 60er-Jahren, als sie einen inspirierenden Abend mit Mozart im Kreis der Familie einem transpirierenden Abend mit LSD im Kreis der Kommune vorzogen.

Manchmal macht auch nur der Ton die Musik. Man kann schließlich den "alten Wilden" statt "Viagra, Antihypertensiva und Krankengymnastik" genauso gut "Sex, Drugs und Rock’n Roll" verordnen.

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