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Dr. Ronny Teutscher Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts Peter und Teutscher www.peter-teutscher.at
 
Kolumne Nebenwirkungen 20. November 2008

NebenWirkungen - Das Herz bin ich

Die Pumpe und sein Spezialist oder was hat ein Kardiologe, was ich nicht habe?

Das Herz schlägt dermaßen penetrant im Zentrum des Körpers, dass es kaum ein Wunder ist, wenn auch der Kardiologe eine zentrale Position innerhalb der Ärzteschaft einnimmt. So suchen viele Kollegen anderer Fachdisziplinen die Nähe zum Sonnenkönig, um ein wenig Licht zu erheischen.

 

Das Herz ist zweifelsfrei eine tolle Erfindung. Rund 9.000 Liter Blut werden täglich von diesem Organ durch die Gefäße des Körpers gepumpt. Für all jene, denen Zahlen zu abstrakt sind: Dies entspricht der Menge von 900 vollen Ottakringer-Bierkisten. (Bei manchen Menschen fließt tatsächlich auch 9.000 Liter Bier durch die Gefäße, aber das ist ein anderes Thema.)

Durch diese tolle Leistung nimmt das Herz eine gewisse Sonderstellung unter den Organen ein. In Relation zu seiner Größe benötigt es mehr Energie als jeder andere Mitspieler im Körper. Denn, auch wenn im Normalzustand das Blut weitgehend gerecht verteilt ist, werden im Notfall die Blutreserven knapp: so reißen Herz und Hirn die Ressourcen an sich, die Provinz kann schauen, wo sie bleibt.

Wie fühlen sich da die anderen Organe? Als Gewebe zweiter Klasse? Das Problem, das die österreichische Bevölkerung mit der urbanen Bundeshauptstadt hat, dürfte wohl auch hier gegeben sein. Sogar die entlegenste Zehe muss die Kapriolen des Herzens mitmachen. Die gut gemeinte Idee der rechten Niere, nach dem Vorbild der EU eine halbjährlich wechselnde Ratspräsidentschaft im Körper einzuführen, scheitert alleine schon daran, dass dieses Organ weder ein Nettozahler ist und noch dazu über einen unzureichend geschützten Harnlei-ter böse Keime einlässt. Auch wenn man mittlerweile die Pumpe sogar transplantieren kann und auch wenn Leber, Pankreas oder Lunge das Herz als „Hohlorgan“ beschimpfen, so gibt das rhythmische Schlagen in der Brust dem Menschen das Feedback, noch am Leben zu sein.

Vom Lebkuchenherz zur Herzmassage

Nicht umsonst hat das Herz als Symbol der Liebe weltweit Einzug gehalten und nicht die Milz. Obwohl ich mir auch die Nieren als romantisches Symbol hätte vorstellen können, wo die Liebenden in trauter Zweisamkeit aus den Kelchen trin-ken oder auch die Schilddrüse, die bei Erregung zum Kropf anschwillt.

Das Herzsymbol, das sich aus dem Efeublatt prähistorischer Töpfer entwickelt und seither im Herz-Jesu-Kult der katholischen Kirche, in der Gebrauchsgrafik der Werbung oder als Spielkartenfarbe Einzug gehal- ten hat, ist nicht nur den westlichen Kulturen bekannt. Im Islam oder im Buddhismus bedeutet es auch geistige Erkenntnis oder Erleuchtung. Was für eine edle Symbolik! Welches miese Image hat hingegen die Leber? Immerhin: im Möbeldesign konnte sich der Nierentisch durchsetzen.

Auch unser Sprachgebrauch ist voll des Lobes: Hundewelpen können „herzig“ sein, nie jedoch „lebrig“. Diktatoren sind mitunter „herzlos“, niemand wird ihnen „Magenlosigkeit“ vorwerfen; und selbst Schwangere haben frühzeitig ihr Kind in ihr Herz geschlossen, abstruserweise jedoch nicht in ihre Gebärmutter.

Initiativen, wie man sein Herz schützen könnte, gibt es wie Sand am Meer. Bürgerbewegungen zur Rettung der Blase finden sich hingegen selten. Auch Aktionen wie „Deine Nebenniere und Du“ oder „Jedes Jahr einmal zum Uvula-Check“ rangieren unter „ferner liefen“. Wie kreativ ist man da beim Pumporgan: „Schau auf Dein Herz“, „Bumbum oder fall um“ oder auch die Gegenaktion der heimischen Konditoren-Innung „So eine Cremeschnitte hat meinem Herz noch nie geschadet“ zeigen, wie groß dessen Stellenwert ist. Selbst das Rotlichtmilieu macht auf die Wichtigkeit einer rechtzeitigen kardiopulmonalen Reanimation aufmerksam. Denn was soll eine Leuchtreklame mit blinkendem Herz und dem nebenstehenden Schriftzug „Massage“ sonst sein, als eine Anleitung für Ersthelfer?

Der Kardiologe als Sonnenkönig

Aber müssen deshalb auch Personen, die diesen lebenswichtigen Muskel betreuen, einen solchen Sonderstatus innehaben? Mit pochendem Neid im Herzen (wo sonst) bemerke ich, wie die Kardiologen den besseren Tisch im Restaurant bekommen, als der gemeine Praktiker.

Was hat ein Herzspezialist, was ich nicht habe? Die Schönheit kann es nicht sein, denn wir wissen aus einer beunruhigenden Studie des British Medical Journal, dass ledig-lich die Chirurgen fescher sind, als ihre medizinischen Artgenossen. Die Imagewerte der Herzspezialisten sind aber so außergewöhnlich gut, wie kaum bei einer anderen Ärztegattung. Da können sich die Proktologen noch so sehnsüchtig vom aboralen Ende in Richtung Herz vorarbeiten, um diesem näher zu kommen, sie bleiben eben nur Proktologen; wie verzweifelt versucht so mancher Rheumatologe einen Zusammenhang zwischen seinen „unsexy“ Gelenksentzündungen und einem möglichen Schaden am Herzen festzumachen; wie hartnäckig wei-sen sogar die Physikalischen Mediziner darauf hin, dass ihre Schlammpackungen zur besseren Durchblutung der Koronarien beitragen. Der Adel biedert sich am Hof des Sonnenkönigs an, um auch ein wenig vom Licht zu erheischen.

New York versus Amstetten

Kein Hollywood-Film würde die Rolle eines hoch angesehenen Spezialisten einem Hals-Nasen-Ohren-Arzt oder gar einem Kassenpraktiker überlassen. Natürlich ist es leinwandtauglich, Herzinfarktpatienten von der Schippe des Todes runterzudefilbrillieren, mit Medikamenten der Klasse-I-Geilheit einen Sinusrhythmus zu erzeugen und zufrieden auf den rhythmisch vor sich hinpiepsenden Monitor zu blicken, um dann mit einem beiläufigen „Patient ist stabil“ aus der Szene zu stolzieren. Hier werden Leben weitaus sauberer und rascher gerettet, als bei einem Allgemeinmediziner, der in seiner Praxis tagtäglich über den Beinulcera sei- nes Pensionistenfanclubs brütet. Verkörpern die prunkvollen Kongresse der Herzspezialisten ein Flair von Tiffany’s in New York, so ist eine Tagung für spezialisierte Endokrinologen höchstens der Amstettener Bahnhof.

Per Haupteingang zur Kardiologie

Vielleicht liegt es auch am Bekanntheitsgrad – jeder weiß, was „seine Pumpe“ tut, aber frag einmal einen Durchschnittsbürger nach der Aufgabe seiner Nebenschilddrüse. Es ist zweifelsfrei sozial höher stehend, als Manager über Herzprobleme zu klagen, denn eine gestörte Darmfunktion zuzugeben. So hat man kein Problem damit, seinen Termin beim Kardiologen groß in die Welt hinauszuposaunen, wohingegen der Urologe am liebsten über den diskreten Seiteneingang aufgesucht wird.

Zugegeben, ohne Herz läuft nichts. Nur das Gehirn hat hier einen ähnlich großen Stellenwert. Dieses nicht zu durchschauende Gebiet wird jedoch meist den Neurologen und Psychiatern überlassen. Viele Kollegen wollen gar nicht so genau wissen, was sich hinter der Blut- Hirn-Schranke alles verbirgt. Fast möchte man meinen, dort gäbe es ein militärisches Sperrgebiet zu dem ausschließlich gehirnakrobatischen Mineuren der Zutritt gestattet ist. Um das Herz kommt man jedoch nicht herum. Es steht im Zentrum alles Seins, ist an all die Dinge angeschlossen, die man so kennt im Körper, beeinflusst und wird beeinflusst und selbst wenn ein kleiner Dermatologe ein entferntes Fußekzem mit seinem Lieblingskortison behandelt, wird das Herz vielleicht ein klein wenig schneller schlagen, als wollte es ihm sagen: „I’m looking at you, Kid!“.

Und so wagen sich die kardiologischen Kollegen mit ihren Koro- narkathetern über Arterien in Ge-biete vor, die wir nur vom Hörensagen her kennen, blasen auf, setzen Stents, wirken manchmal auch so, als wüssten sie, was sie tun und können getrost als Hohepriester des Myokards bezeichnet werden. Unsereins stochert mit einem Katheter höchstens lustlos in eine andere Öffnung zur Entlastung der vollen Bla-se. So gilt meine große Hochachtung dieser Königsdisziplin der Medizin und mit ehrfürchtiger Freude räume ich den besten Restaurantplatz für einen Kardiologen. Diese Kolumne darf jedoch als kleine Rache verstanden werden.

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Dr. Ronny Teutscher Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts Peter und Teutscher www.peter-teutscher.at

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