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Kolumne Nebenwirkungen 24. November 2009

Leiharbeiter dringend gesucht.

 

Wenn sich nun Ärzte aufgrund der Grippewelle nicht selbst um ihre Patienten kümmern können, sondern das eigene Bett hüten müssen, werden wohl Leih-arbeiter diese Lücke schließen müssen.

Gegen Pandemien wie die Schweinegrippe, die auch „mexikanische“ und dann auch „neue“ Grippe hieß und nun auf Druck der Bevölkerung sowie der Medien ob des auflagenstärkenden Namens wiederum zur Schweinegrippe umbenannt wurde, trifft nun auch die Fachleute.

Obwohl Ärzte per definitionem keine Patienten im engeren Sinne sind, können auch sie an Grippe erkranken. Die talentiertesten Exper-ten scheitern am eigenen Selbst und mutieren bei der Eigenbehandlung zu Stümpern. So hört man, dass nun selbst in den heiligen Hallen des Wiener AKH immer mehr Ärzte in den mutmaßlich schweinebedingten Krankenstand entlassen werden. Die Folgen, so schreibt eine bekannte Tageszeitung: „Überstunden und Leihpersonal“.

Mehr an sprachlichem Input braucht ein Kolumnist nicht. Denn Leihpersonal bedeutet, dass dieses von irgendwo ausgeliehen wird und dann in möglichst unbeschädigtem Zustand an den Verborger zurückgegeben werden muss. Natürlich liegt es nahe, dass man derartige personelle Anleihen im Nachbarkrankenhaus nimmt. Dies würde jedoch bedeuten, dass sich die ärztliche Abwesenheitslücke lediglich verschiebt, sodass auch hier wieder Personal nachbesetzt werden müsste.

Junge Ärzte, die auf Arbeit warten, heranzuziehen, würde dem medizinischen Ethos widersprechen, nämlich dem, dass jeder Jungmediziner es verdient, ein paar Jahre auf einer Liste zu stehen und blöd zu schauen. Außerdem muss ja auch nur vorübergehend ausgeholfen werden. Sollten daher Engpässe auftreten, so kann sich die Universitätsklinik an das nächstgelegene AMS oder an Personalvermittlungsfirmen wenden. Einen Installateur in den Operationssaal zu stellen, wäre natürlich naheliegend und würde, gerade bei Eingriffen an großen Gefäßen, auch gar nicht auffallen. Buschauffeure könnten bei der Visite Wagerl von Station zu Station schieben und U-Bahn-Fahrer die Koloskopien übernehmen. Da auch die Tourismusbranche noch Nebensaison hat, können beschäftigungslose Kellner die Infusionsflaschen anhängen. Die moralische Belehrung unbelehrbarer Diabetiker können Taxilenker in ihrem gewohnt eindringlichen Ton vornehmen.

Hochzeitsfotografen sitzen nun vor den Röntgengeräten, wobei hier mit einem vermehrten Einsatz von Weichzeichnern zu rechnen ist. Postbeamte schachteln die Medikamen-te ein, zumindest in der Kernarbeitszeit zwischen 10 und 10:15 Uhr. Und Rechtsanwälte, die nun vorübergehend als Hilfsärzte arbeiten, dürfen sich danach gleich selber verklagen. Und die Patienten werden im Endeffekt während dieser Krise keinen Unterschied bemerken.

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