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Kolumne Nebenwirkungen 17. November 2009

Austausch statt Reparatur

Heute geht der Trend bei Servicebetrieben weg vom Herumbasteln und hin zum Eintausch eines schadhaften Gerätes. Warum soll es in der Medizin anders sein?

Die Philosophie der Autowerkstätten hat etwas für sich: Eine kleine Delle über dem Nummerntaferl bedeutet Austausch der Heckklappe, ein Kratzer auf der Beifahrerseite einen komplett neuen Satz aller fünf Türen und ein defekter Zigarettenanzünder die Verschrottung des doch schon zwei Jahre alten Fahrzeuges.

Es rentiert sich einfach nicht mehr, so wie früher Dinge zurecht zu biegen, auszuklopfen oder gar zu reinigen. Die Stundensätze für Reparaturen jedweder Art lassen im Kunden die Todsünde Geiz in absoluter Vollendung heranreifen. Und so lässt man lieber austauschen und tröstet sich mit der Unversehrtheit des neu erworbenen Teils über die horrenden Kosten hinweg.

Mediziner sind noch nicht ganz so weit. Nach wie vor ist es erklärtes Ziel, ein Körperteil eher zu reparieren als auszutauschen. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel und so fliegen immer wieder frühzeitig Mandeln, Wurmfortsätze oder auch mitunter eine Milz aus dem Körper. Allerdings ersatzlos.

Dabei könnten wir uns im Hinblick auf eine gewinnorientierte Vorgehensweise von den Kollegen aus der Automobilbranche eine Menge abschauen. Denn aufgrund gedeckelter Finanzierungen ist das langwierige Herumbasteln am Patienten finanziell gar nicht mehr so lukrativ. Weniger Zeitaufwand hat man mit dem kompletten Austausch eines Körperteils, die höheren Anschaffungskosten kann man dem Empfänger aufbrummen, dafür gibt es auch Gewährleistung.

Bei großer Nachfrage wird auch die Industrie geklonte Nieren, Blasen und Kniescheiben günstig und in großen Stückzahlen anbieten können. Und so werden unsere Patienten mit schadhaftem Herz wohl öfter zu hören bekommen: „Also, eine Reparatur zahlt sich nicht mehr aus! Da müssten wir schon den ganzen Herz-Lungentrakt auswechseln. Dafür können wir den Zahnriemen auch gleich tauschen.“

Schließlich werden auch weniger qualifizierte Zentren in der Lage sein, ein neues Organ oder ein Nachbau-Teil in kurzer Zeit zu implantieren. Dies kann bis zum OTC-Verkauf von Selbstbausätzen für Patienten gehen. Anleitung liegt bei, in schwierigen Fällen kann eine Servicehot-line kontaktiert werden. Dennoch ist das Einbauset zuvor auf Vollständigkeit zu prüfen, um keine böse Überraschung zu erleben, wenn eine Anschluss-Arterie fehlt. Ein Konzept mit Zukunft. Und wer würde nicht einem lästigen Venenstripping oder einer langwierigen Ulkusbehandlung schöne neue originalverpackte Beine vorziehen?

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