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Kolumne Nebenwirkungen 12. November 2009

NebenWirkungen

Der gemeine Schnupfen führt uns immer wieder mit geballtem Hohn unsere ärztliche Machtlosigkeit vor Augen. Dennoch kann man zumindest so tun, als ob man etwas dagegen tun könnte.

Wenn die Wartezimmer mit schnupfenden Nasen, hüstelnden Kehlköpfen und subfebrilen Körpertemperaturen gerammelt voll sind, so ehrt uns dies natürlich. Auf der anderen Seite sind wir doch etwas ratlos. Mit unseren guten Tipps zur Immunstärkung kommen wir hier etwas zu spät. Und hinsichtlich einer effizienten Behandlung sei gesagt: Der Medizin-Nobelpreis, der aufgrund besonderer Verdienste um die Bekämpfung des Schnupfens vergeben wird, ist noch vakant.

Wir können jedoch, und dies ist immerhin besser als nichts, den Patienten bei Laune halten, während der Körper sich selbst heilt. Hier hilft uns die pharmazeutische Industrie, die wirklich ansprechende Fläschchen, Päckchen und Blisterpackungen für diese Zwecke zur Verfügung stellt. Die darin befindlichen Präparate werden streng nach Beipacktext oder, wenn vom Arzt anders verordnet, auch nicht ganz so streng oder auch gar nicht eingenommen, und nach etwa einer Woche stellt sich tatsächlich eine Besserung ein. Oder auch nicht. Wie das eben so ist, wenn das Zufallsprinzip die Statistik gestaltet.

Die Möglichkeit, die klassische Erkältung therapeutisch zu verkürzen, verhält sich indirekt proportional zu der Anzahl der zur Verfügung stehenden Medikamente. Es gibt kaum einen Bereich, der pharmazeutisch einen derartigen Overkill zu bieten hat; abgesehen vielleicht von Mittelchen zur Versteifung von Körperteilen – und damit sind nicht die Gelenke gemeint. Wir können auf ein gewaltiges Arsenal meist nicht rezeptpflichtiger Substanzen zurückgreifen: Präparate, die vorwiegend mit „Rhino“ beginnen, also Rhino-super, Rhino-futsch oder Rhino-zerus, kommen dabei genauso zum Einsatz, wie Mittelchen, die auf „etten“ enden, wie Hustin-etten, Hals-etten oder Ab-in-die-B-etten.

Die Patienten kommen gut ausgestattet mit zumindest drei Familienpackungen an entzündungshemmenden, sekretolytischen, abschwellenden oder einfach nur schlecht schmeckenden Substanzen aus der Apotheke zu Hause an, wo die Mittel verkostet, danach für die kommenden Jahre im Medikamentenschrank zwischengelagert und drei Jahre später beim Frühjahrsputz als abgelaufen gänzlich entsorgt werden.

Abwarten und Tee trinken

Eigentlich schade, dass ein derart häufiges Leiden uns so zu schaffen macht. Die für das Gesundheitswesen billigere Variante ist die über Lautsprecher ins Wartezimmer gesprochene Durchsage: „Liebe Schnupfenpatienten. Danke für Ihre Aufwartung. Gehen Sie heim, kurieren Sie sich aus, hören Sie auf die Omi, warten Sie ab und trinken Sie Tee.“ Ist zwar nicht ganz so spektakulär, wirkt aber auch. Und nicht vergessen, für diesen ärztlichen Rat die E-Card einzufordern.

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