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Gastroenterologie 28. Oktober 2009

NebenWirkungen Spezial: Der Gastroenterologe ist ubiquitär.

Die Verdauungsspezialisten zeigen, dass unangenehme Dinge auch nett über die Bühne gehen können. Mit der sanften Koloskopie setzen die Kollegen Maßstäbe für die gesamte medizinische Welt.

Der Verdauungstrakt und seine angehängten Drüsen sind ein faszinierendes Gebiet. Auch im täglichen Sprachgebrauch wird aus diesem anatomischen Bereich reichhaltig geschöpft: Vom Magen, in dem der Chef, das Finanzamt oder der letzte Grappa liegt, über die Galle, die gerne hochkommt oder auch gemeinsam mit Gift gespuckt wird, bis hin zu vielen Dingen, die sich im allerletzten aboralen Winkel des Gastrointestinaltrakts befinden und damit quasi nicht mehr zu verwenden sind.

Ein jeder Arzt, der sich mit dieser Materie beschäftigen kann, darf sich demnach glücklich schätzen. „Der Mensch hat viele Öffnungen, und vor jeder lauert ein Spezialist.“ Diese Weisheit gab uns bereits Kollege Julius Tandler vor vielen Jahrzehnten mit auf den Weg. Auf dem Gebiet der Gastroenterologie handelt es sich im Speziellen um zwei interessante Öffnungen. Und der Gastroenterologe lauert vor beiden. Je nach Interesse und Vorliebe steckt er seine endoskopischen Schläuche mal hier, mal da hinein, erkundet jene Körperteile, die für die Nahrungsaufnahme zuständig sind, und jene Teile, die sich mit dem Gegenteil beschäftigen, mit ebenso großer Akribie. Faszinierend, wo die Kollegen mit ihren kilometerlangen Geräten überall hingelangen. Ich bin überzeugt davon, dass die verbesserten Techniken in naher Zukunft nicht nur eine kameratechnische Innenansicht der gesamten Leber ermöglichen werden, sondern dass auch kleine Plaques in den Herzkrankgefäßen letztlich (über Darm-Gallenwege-Leber-Hohlvene und irgendwie über den Lungenkreislauf in die Koronarien) vom Rektum aus zu entfernen sein werden. Der Gastroenterologe ist ubiquitär.

Nach wie vor gehören Gastro- und Koloskopie nicht zu den beliebtesten Untersuchungen. Doch seit einigen Jahren schmücken sich viele Internisten mit dem diplomierten Adjektiv „sanft“. Das klingt in Anbetracht des schlechten Rufes der Darmspiegelung doch irgendwie beruhigend, so, als ob mehr getätschelt denn gedrückt, mehr eingefühlt denn eingefüllt, mehr „ei, ei“ statt „oje, oje“ gesagt würde. Die sanfte Koloskopie erobert die Welt, die Patienten stehen bald Schlange, um wenigstens einmal im Leben von einem Arzt „sanft“ behandelt zu werden.

Ich finde, dass die Kollegen hier einen Weg vorzeigen, den sich andere Fachrichtungen ebenfalls zu eigen machen sollten. Etwa der „sanfte Blutbefund“. Bevor die grässlichen Cholesterinwerte, ein nicht ganz beruhigender Leberparameter oder ein peinlich erhöhtes HbA1c in der Ordination verlautbart werden, sollte dem Patienten eine entsprechende Sedierung zukommen. Dermaßen halb-betäubt, vielleicht noch mit Kaufhausmusik untermalt und auf ein angenehmes Kissen gebettet, kann er nun „sanft“ die Ergebnisse des Befundes und die nachfolgende Maßregelung des Arztes über sich ergehen lassen. Diesbezüglich könnte ein Diplom über die Möglichkeit der hier angebotenen „sanften Befundübermittlung“ Auskunft geben. Allein deshalb und für diese großartige Idee sei den Gastroenterologen an dieser Stelle Dank ausgesprochen.

Von Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 44 /2009

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