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Kolumne Nebenwirkungen 20. Oktober 2009

NebenWirkungen - "Big Brother"

 

Die Anonymität der Krankenakten scheint in Österreich zur Zeit ähnlich gefährdet zu sein wie die der Sparbücher. Auch Deutschland kennt dieses Problem, wie akute Fälle zeigen.

In jüngerer Zeit häuft sich der unschöne Brauch, die Unternehmernase in Krankengeschichten von Bediensteten zu stecken. Zwar betrifft dies noch wenige Firmen. Aber immerhin sind auch Betriebe darunter, die diese langen Fahrzeuge auf Schienen quer durchs Land oder Briefe quer durch die Stadt schicken. Selbstredend, dass die Nasenreinstecker nun völlig empört darüber sind, wie man nur seine Nase in Dinge stecken kann, die einen nichts angehen.

Auf der anderen Seite hat man seinen Angestellten gegenüber ja doch eine gewisse Verantwortung. Zwar wird von Arbeitnehmerseite immer wieder gefordert, die Firmenvertretung möge mehr Einsicht zeigen. Wenn sie dann aber mehr Einsicht hat, etwa in die Krankenakten, ist die Gewerkschaft auch nicht zufrieden. Man kann es denen also nie recht machen.

Kein guter Dienstgeber wird seine Mitarbeiter dazu zwingen, eine Diagnose preiszugeben. Aber fragen wird man ja wohl noch dürfen. Freundschaftlich. Beim Kaffeeplausch. Zum Beispiel, ob eher ein Husten oder ein Hinken, mehr ein Jucken oder ein Zittern das Problem darstellt. Ob dieses Etwas, das wir nicht Krankheit nennen wollen, vielleicht zu Traurigkeit, Zorn oder gar Amokläufen führt. Oder ob der Name diese Sache vielleicht mit „Depres“ beginnt und mit „sion“ endet. Geschickt über das Leben so im Allgemeinen und kleine Unpässlichkeiten im Besonderen befragt, lassen sich doch einige Rückschlüsse ziehen. Im Endeffekt dient es doch nur dem Schutz der anderen Angestellten: Es ist notwendig, die Simulanten zu erkennen, damit sie nicht die anderen anstecken und gar eine Epidemie ausbricht. Und wer wirklich krank ist, der hat ja nichts zu verbergen.

Umgekehrt steigt das Misstrauen der Arbeitnehmer. Wenn der Chef morgens gut gelaunt nachfragt: „Na, gut geschlafen?“, dann wissen die gebrannten Kinder der Liberalisierung: Der möchte sich über das Schlafprofil nur an die Diagnose heranmachen.

Transparenz ist von beiden Seiten gefragt. Damit man zukünftig schon auf der Firmenwebsite den aktuellen Status der Mitarbeiter sehen kann: Ein Klick auf das Porträtfoto und es wird eine leichte Erkältung, eine schwere Diarrhö oder eine meldepflichtige Geschlechtskrankheit angezeigt. Ganz offen. Und Offenheit hat bislang noch niemandem geschadet.

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