zur Navigation zum Inhalt
 
Kardiologie 14. Oktober 2009

NebenWirkungen Spezial: Der Hyper-Toni und andere heimische Popstars

Die zielführende Formel „Mit Hochdruck zum Erfolg“ erfreut sich großer Beliebtheit, die Gesundheit bleibt allerdings auf der Strecke. Die Gesellschaft schafft sich damit ihre eigenen Hochdruckpatienten.

Früher war es so schön einfach. Als es Leitlinien lediglich auf den Autobahnen gab und wir unserer medizinischen Kreativität freien Lauf lassen konnten. So galt für den Blutdruck – jenen Wert, den uns die Apotheker seit Jahren aus unseren ärztlichen Händen zu reißen versuchen – noch Ende des vergangenen Jahrtausends die Faustregel „100 plus Lebensalter“. Dies hatte auch für Patienten etwas Einleuchtendes, da man mit zunehmendem Jahren auf dem Buckel, ähnlich einem Dampfkessel über einer ständig von „vertrottelten Zeitgenossen“ angefachten lodernden Flamme, naturgemäß einen immer höheren Druck aufbaut.

Allerdings lehrt uns die Geschichte, dass es problematisch sein kann, eine 90-jährige Person mit 190 mmHg systolischem Druck und hochrotem Kopf als gerade noch gesunden Menschen durchgehen zu lassen. Und so schlägt das Pendel nun in die Gegenrichtung aus, und die militante INDF (Internationale Niederdruck-Fraktion) zuckt aus, wenn die Messnadel beim Patienten über der 100er-Marke zu zucken beginnt.

Tatsächlich wurden die Blutdruck-Grenzwerte in den vergangenen Jahren kontinuierlich herabgesetzt, sodass Ärzte und ihre Patienten mit der Einstellung kaum mehr nachkommen. Nur einige wenige ganz eifrige Kollegen bemühen sich, auf die hochmotivierten Patienten ihrer Praxis zu verweisen, die allesamt die Zielwerte erreichen. Dafür erhalten sie ein Mitarbeitsplus bei den Fachverbänden.

Der Großteil der Patienten kennt diese Werte nur vom Hörensagen. Wer ist hierfür verantwortlich zu machen? Sind es die nicht ausreichendend fortgebildeten Kollegen, die die Notwendigkeit einer guten Blutdruck-Einstellung mit Kombinationspräparaten noch immer nicht behirnt haben? Sind es die Patienten, die grob fahrlässig mit überhöhter Geschwindigkeit in die Kurven des Lebens rasen und den Hochdruck als explosiven Treibstoff schätzen? (Die Schummler, die ungemessen ihre Blutdruckpässe in Schönschrift für den Herrn Doktor eine Stunde vor dem Arztbesuch mit korrekten Zielwerten ausfüllen, fallen hier ohnehin aus der Statistik raus.)

Schuld an der ganzen Hochdrucksache ist, neben dem unvernünftigen Lebensstil, den miesen Genen, den verkalkten Gefäßen und den Gottheiten der Idiopathie, die Gesellschaft an sich. Die Gesellschaft, die ihre Mitglieder in vielen Lebensbereichen unter Druck setzt und Mußestunden als gemeingefährlich erachtet, erntet nun ihre hypertensiven Früchte. Die erfolgreichsten Menschen des Landes verweisen in gescheiten Interviews darauf, dass der Erfolg nur zu einem Prozent aus Talent, zu 99 Prozent hingegen aus Fleiß, Ausdauer und damit auch Druck besteht. Womit die talentiertesten Müßiggänger im Verborgenen bleiben, die fleißigsten Schwammerl zu westösterreichischen Popstars werden. Das ist langfristig ungesund. Für Akteure und Zuhörer.

So plädiere ich für die Entschleunigung und die Dolce-far-nientisierung des Lebens. Dann ersparen wir uns die ganzen Pulverl. Nur dadurch kommt auch letztendlich die Qualität zu Stande. Ohne Druck. (Übrigens freue ich mich, dass ich diese Kolumne auf sanften Druck der Chefredaktion gerade noch fristgerecht abgeben kann).

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben