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Kolumne Nebenwirkungen 30. September 2009

NebenWirkungen - Aus den Augen, aus dem Sinn

 

Trotz Spaß an der medizinischen Arbeit erfreut sich die Nachbetreuung bei den Ärzten nicht allzu großer Beliebtheit. Auch für die Chirurgen gilt nach einer Operation: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.

Ich möchte nicht behaupten, die Kollegen der chirurgischen Zunft seien nachlässig. Im Gegenteil. Die Akribie, mit der sie ihre Arbeit machen, ist beeindruckend. Von der Geduld, mit der Gewebe an Gewebe, Nerv an Nerv geflickt wird, wünschen sich viele Chirurgen-Partner einen kleinen Teil für das gemeinsame Beziehungsleben. Doch Medizin geht vor und Partnerschaft hat morgen auch noch Zeit. Vielleicht.

Anders verhält es sich bei Patienten, die keiner klassisch chirurgischen Intervention bedürfen. Also Gesunde, lediglich internistisch auffällige Menschen oder bereits operierte Personen. Dann lässt das Interesse rasch nach. Zwar ist es nachvollziehbar, dass ein Exitus „am Tisch“ nicht zu jenen Dingen zählt, die ein Chirurg in seiner Karrierelaufbahn allzu oft erleben mag. Um-so wurschter scheint es jedoch zu sein, wenn sich dieser Exitus abseits der geheiligten Hallen des Operationssaales ereignet.

Nach dem Motto „rausgeschoben ist aufgehoben“ werden die Frischoperierten in die Obhut der konservativen Ärzte übergeben. Die sollen dann schauen, wie sie zurechtkommen. Interessant wird es dann erst wieder, wenn man einen neu einsetzenden kritischen Zustand mit dem Messer beheben kann. Auch die Nahtentfernung wird nicht allzu ungern von den Chirurgen selbst vorgenommen. Hierfür schlüpfen sie sogar aus ihrem modischen Grün in das profane Weiß, um unter lobenden Worten, vielen „Ohhs“ und „Ahhs“ und im optimalen Fall im Beisein der halben Belegschaft, der wunderschön genähten Hautstelle ehrfürchtig zu huldigen. Über den Rest hüllen sich die Chirurgen in Abwesenheit und Schweigen.

Dies alles wirft ein charakterlich mäßig ansprechendes Licht auf die schneidenden Kollegen. Doch wer von uns normalen Medizinern frei von Schuld ist, werfe die erste Tablette. Denn auch durch den Kunst-griff der Entlassung oder der Überweisung können mühsame Patien-ten nach getaner Arbeit im Spital rasch in fremde Ärztehände gege- ben werden, die sie nun mit der Hartnäckigkeit ihrer Leiden beglücken dürfen.

So wird so mancher Patient, stabilisiert mit zwei dutzend Medikamenten, feixend zum „behandeln-den Hausarzt“ retour geschickt. Soll sich der Niedergelasse mit den nicht ganz so spektakulären Dingen wie chronische Schmerzen, Depressionen oder allzu große Anhänglichkeit, herumärgern. Aus den Augen, aus dem Sinn. „Für Rückfragen stehen wir gerne zur Verfügung“. Vielleicht.

Von Dr. Ronny Teutscher , Ärzte Woche 40 /2009

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