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Kolumne Nebenwirkungen 16. September 2009

Nebenwirkungen - Schutz geht über Knigge

Die eigene Sicherheit sollte uns allen ein Anliegen sein. Vor allem, wenn es darum geht, Dreck, Keimen und all dem Übel in dieser Welt auszuweichen. Dabei kann die Höflichkeit auch ruhig ein wenig auf der Strecke bleiben.

Wie uns die Hygieniker seit Jahren glaubhaft vermitteln, treffen bei einer Infektion wache Erreger auf übermüdete Wirte. Sie berichten dabei noch von weiteren Unterscheidungen: Ein Zwischenwirt, also jene Gaststätte, die zum „Vorglühen“ auf das abendliche Besäufnis besucht wird, ist vom Endwirt, jenem Beisel, das zum „Abstürzen“ heimgesucht wird, zu differenzieren. Mitunter werden die Erreger öffentlichen Ärgernisses oft von der polizeilichen Immunabwehr in Gewahrsam genommen. Dass wir diese und ähnlich geartete Gleichnisse schon im Medizinstudium nie begriffen haben, zeugt von der Komplexität der Materie.

Die Zahl der Erreger gering zu halten, scheint jedoch irgendwie logisch. Namhafte Kollegen von der Infektionsfront geben hierzu gute Ratschläge, wie man dies bewerkstelligen und so die Übertragung grässlicher Erkältungkrankheiten verhindern kann.

Das Niesen in die Handfläche mag dem Niesen ins Gesicht eines nahestehenden Menschen vorzuziehen sein. Doch das genossene Sekret in der Hand ist nun bereit, seinen Weg in die Hand eben dieses nahestehenden Menschen zu nehmen. Deshalb wird empfohlen, in den Ärmel zu niesen. So werden nur diejenigen Menschen mit unseren Kei-men beglückt, die wir umarmen .

Wie weit man hier gehen möchte, wird sich gesellschaftlich zeigen. Wenn man die Knöpfe des Fahrstuhles sicherheitshalber mit den Knöcheln, statt den Fingerspitzen berühren oder die Haltegriffe der U-Bahn nur mit ärmelgeschützer Hand umfassen soll, fällt das vielleicht noch unter private Schrulligkeit. Doch wenn aus Hygienegründen selbst vom Handschlag zur Begrüßung abgeraten wird, stellt dies hinsichtlich neurotischem Sauberkeitsdrang selbst den seligen Herrn Jackson in den Schatten. Hier wird dem Keim aus dem Reich der Mikroben zwar der Nährboden entzogen, im gleichen Zug jedoch der Keim der Missgunst gesät. Ich stelle mir schon die entsetzten Meldungen der internationalen Presse vor, das wirtschaftliche Embargo und die Ächtung durch die UNO, wenn unser Herr Bundespräsident, gebrieft durch die heimischen Infektiologen, dem ausländischen Staatsgast den Handschlag verweigert und seinen Kopf demonstrativ angeekelt zur Seite wendet.

So ist es eine Gratwanderung zwischen Schutz und Knigge. Doch von Höflichkeit können wir uns nichts kaufen. Das wissen auch viele Ärzte im Krankenhausbetrieb, die ihren Patienten aus Prinzip weder die Hand reichen, sie ansehen oder gar mit ihnen reden. Sie sind dabei keineswegs unhöflich. Einfach nur hygienisch.

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