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Foto: Privat
Von Dr. Ronny Teutscher Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.peter-teutscher.at
 
Kolumne Nebenwirkungen 9. Juli 2009

NebenWirkungen - Zeugnistag

Zumindest einmal jährlich wissen wir, was wir von unseren Kindern zu halten haben. Unbestechlich wie ein Laborbefund lassen sich unsere Sprösslinge im Zeugnis mittels exakter Zahlen definieren.

Nun ist es wieder soweit. Unser Nachwuchs wird in diesen Tagen auf das Gröbste bewertet. Schwarz auf weiß sehen wir auf dem Jahreszeugnis endlich, was unsere Kinder taugen. Ihr Wesen zu quantifizieren macht durchaus Sinn, denn wir Erziehungsberechtigten, und natürlich auch der an der Bildung interessierte Staat, können mit der Bewertung „kreativ“ weitaus weniger anfangen, als mit „2“.

Da es letztlich darum geht, ob Deutschland oder Österreich im PISA-Test die Nase vorne hat, bedarf es der Noten als direkt vergleichbare Parameter. Wenn Psyche „1“ ist, der Hausverstand „3“ und der Charakter nur 4, so lässt sich von jedem unabhängigen Beobachter daraus eine Diagnose und eine entsprechende Therapie in Form von Nachhilfe erstellen.

Viele Mediziner fürchten die Schulnoten ihrer Nachkommen weitaus mehr als eine massive arterielle Blutung während einer kleinen Operation. Denn der Canossagang zum Lehrer ist für uns Ärzte mehr als demütigend. So versuchen wir, schlechte Noten zu bereinigen indem wir Pädagogen in ein gutes ärztliches Gespräch verwickeln: „Ich war auch ein schlechter Schüler und aus mir ist doch ein guter Chirurg geworden“; „Wenn Sie die Note etwas aufbessern, kann ich mir durchaus vorstellen, Ihnen eine kleine plastische Operation als Aufwandsentschädigung anzubieten“; „Haben Sie regelmäßig Stuhlgang?“

Ich finde, auch wir sollten am Ende des Jahres unsere Patienten benoten dürfen. So kann deren Verhalten bei einem „durchaus nicht zufrieden stellend und mangelhaft“ zur Anhebung der Krankenkassenbeiträge führen. Werden die Compliance mit „befriedigend“, die Geschenke für den Arzt zu Weihnachten mit „sehr gut“ bewertet, kommt das der geforderten Objektivierbarkeit entgegen und erleichtert den Einsatz von Leitlinien.

Dies brächte einige Vorteile mit sich. Einerseits hätten wir ein schönes Druckmittel, das die Patienten zur aktiven Mitarbeit und zum ruhig Dasitzen zwingt, während wir wichtige Lebensweisheiten von uns geben. Anderseits können wir bei Nichterreichen eines gewissen Leistungsniveaus unser Salär durch medizinische Nachhilfestunden aufbessern.

Am schönsten ist es natürlich, wenn wir in der Praxis einem Lehrer gegenübersitzen. Quid pro Quo. Für jede schlechte Note eine weitere Tablette. Auch das ist Erziehung.

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