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Foto: Privat
Von Dr. Ronny Teutscher Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.peter-teutscher.at
 
Kolumne Nebenwirkungen 27. Juni 2009

NebenWirkungen - Ein Quantum Trost

In der Medizin hält man sich an die guten alten Regeln der Schulphysik. Neumodische Dinge, wie die seit acht Jahrzehnten bekannte Quantenmechanik, sind für unsere Therapien eher unerheblich.

Dennoch wage es jemand zu behaupten, wir Ärzte würden uns den neuen Strömungen verschließen. Schaffen wir uns doch mit Begeisterung immer exaltiertere Diagnosegeräte an, erstehen als Erster das neue 1.024-Zeiler-CT und den Ultraschall in 3D- und Dolby-Surround.

Andererseits denken wir uns nichts dabei, unseren täglichen Blutdruck in Millimeter Quecksilbersäule anzugeben oder die Geschwindigkeit des Haarwuchses in Klafter pro Schaltjahr zu berechnen. Tatsächlich sind wir in der naturwissenschaftlichen Medizin irgendwo bei Newton hängengeblieben. Heisenberg, Planck oder Einstein schieben wir lieber in die Esoterik-Ecke, weil das erstens ohnehin die Wenigsten verstehen und zweitens diese Kapiteln in unseren Medizin-Physikbüchern immer ganz hinten standen und daher recht gefahrlos aus dem Lernstoff gestrichen werden konnten.

So genügt uns das, was zu sehen ist. Die schiefe Ebene ist schief und der Impuls erhält sich. Ein dicker Patient fällt genauso rasch auf die Nase, wie ein dünner. Diese physikalischen Grundweisheiten reichen allemal für den medizinischen Alltag aus. So vermessen wir die Patienten von Kopf bis Fuß. Wenn sie nicht messbar sind, so werden sie messbar gemacht. Und können wir Therapien nicht messbar machen, so machen wir sie zumindest essbar – in Form von Tabletten.

Dass da den komplementärmedizinischen Kollegen die Zornesadern schwellen oder wie wir in Österreich sagen „das Geimpfte“ aufgeht – so die Kollegen geimpft sind – ist verständlich. Denn die etablierte Medizin verbannt alles, was man nicht so recht quantifizieren kann, in die Voodoo-Abteilung: Handauflegen, Nadeln reinstecken in Stellen, die gar nicht weh tun oder von einer Psyche zu sprechen, die noch nie ein seriöser Wissenschaftler bildgebend darstellen konnte.

Die Befassung mit den letzten Kapiteln der Physiklehrbücher macht natürlich auch Angst. Wenn man nämlich zu verstehen beginnt, dass selbst der Arzt nicht mehr ist, als die Realisierung einer Wahrscheinlichkeit in den Weiten des Universums. Dass sich erst durch die Messung von Dingen, diese Dinge manifestieren. Und dass es diese Dinge ohne Messung vielleicht gar nicht gäbe. Hat jetzt ein Patient gar keinen Cholesterinspiegel, bevor wir ihn bestimmen? Und auch für Patienten ist die Diagnose „Ihre Quanten spielen verrückt“ nicht sonderlich beruhigend.

Bei all der Philosophiererei über Quanten bleibt zumindest das eine Quantum Trost, dass sich Patienten nur selten mit Lichtgeschwindigkeit durch den Raum bewegen und daher nach wie vor als träge Massen am Boden haften. Derart sind sie zum Glück unseren Therapien hilflos ausgeliefert. Und für alles andere sind wir leider nicht zuständig.

Von Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 26 /2009

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