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Kolumne Nebenwirkungen 23. Juni 2009

NebenWirkungen - Drive-In-Doktor

Jetzt und hier wollen wir die Vorzüge einer per Auto zu befahrenden Praxis beleuchten. Dadurch lässt sich ein niederschwelliger Zugang zur medizinischen Basis-, Medium- oder Supersize-Versorgung gewährleisten.

Überall dort, wo „medizinisch“ draufsteht, muss heute gespart werden. Der Trend geht in Richtung Outsourcing. Call-Center machen die telefonischen Terminvereinbarungen, Taxiunternehmen ersetzen Rettungsdienste und Trafikanten übernehmen die Arbeit der Pneumologen.

Um dem Trend zu Sparvarianten gerecht zu werden, empfiehlt es sich, bereits bestehende Infrastruktureinrichtungen zu nutzen. Was liegt also näher, als die Fast-Food-Drive-In-Einrichtungen des Landes mit der medizinischen Versorgung zu betrauen? In den USA ist dies bereits ein gangbarer Weg. Der Doc-Drive ist im Auto sitzend bequem zu erreichen.

Fast rund um die Uhr kann man seine Leiden („Ihre Beschwerden, bitte?“) angeben, sodass die benötigten Mittel sogleich zusammengestellt werden können. Je nachdem, ob die Beschwerden „small“, „medium“ oder „x-large“ sind, kann ein individuelles Therapieschema verordnet werden. Eine intelligente Software ermöglicht es, selbst Anlernlingen in der ersten Arbeitswoche aus drei angegebenen Symptomen ein komplettes Syndrom („Machen wir gleich ein Menü draus“) zusammenzustellen, die richtigen anamnestischen Fragen zu stellen („Auswurf dazu?“) und dem Patienten völlig unbürokratisch die Therapie einige Meter weiter vorne („Fahren Sie bitte zum nächsten Schalter vor“) auszuhändigen. Verrechnet wird wie gehabt über eine elektronische Krankenversicherungskarte. Hausbesuche sind in diesem System nicht vorgesehen. Doch auch schwer siechenden Patienten ist es wohl zumutbar, sich zumindest ins Auto zu setzen.

Ich finde die Amerikanisierung des Systems durchaus hilfreich. Erspart sich doch der Patient dadurch eine Menge Wartezeit und die Krankenkassen eine Menge Ärzte. Diagnostik und Therapie übernimmt der Computer, ohne menschliche Fehlerquelle. Der störende Faktor Arzt wird zur Erfüllung der Leitlinien somit elegant ausgeschlossen, Verordnungen erfolgen exakt nach den neuesten Guidelines. Der Computer spuckt’s, der Patient schluckt’s.

Spezialangebote, wie die Los Hustos inklusive 0,8 Liter Expektorantien oder das Mc. Tripper-Menü mit Kondomen in lustigen Farben für das nächste Mal, ziehen Kundschaft an. Antibiotika gibt es in drei verschiedenen Geschmacksrichtungen, und die Kinder können in den Menüs zwischen bunten Einlaufspritzen und einem Koniotomie-Set wählen. Billig muss also nicht immer schlecht sein.

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