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Kolumne Nebenwirkungen 10. Oktober 2008

NebenWirkungen: Existenzielle Fragen gehen selbst Medizinern ab und an durch den Kopf

Ob alle Menschen tatsächlich gleich sind vor Gott und vor dem Arzt. Oder ob es da wie dort Klasse-Patienten nicht einfacher haben.

Es ist kein Geheimnis, dass Armut krank macht. In den traditionellen Arbeiterbezirken sind Erkrankungshäufigkeit und Sterblichkeitsrate deutlich höher als in den Nobelgebieten. Aber wie können sich dann so vie-le lukrative medizinische Einrichtungen für betuchtere Leute behaupten?
Sind es wirklich die gesünderen Lebensumstände oder die Möglichkeit, sich in der Oberschicht intensiver mit Ayurveda, Power-Walking oder traditionell chinesischem Mittagsmenü auseinanderzusetzen? Oder stellt die viel zitierte Zwei-Klassen-Medizin für mehr Geld auch eher Originalpräparate, Einzelzimmer, freundlichere Ärzte und schärfere Skalpellklingen bereit? Liegt es vielleicht auch an der sozialen Möglichkeit, sich aus einer Gilde angesehener Professoren im engeren Bekanntenkreis die besten Ärzte aussuchen zu können? Und hilft es tatsächlich, der Du-Freund des Primars zu sein, um das Unheil fernzuhalten? Es kann nämlich auch bedeuten, dass sich im Krankenhaus kein normal sterblicher Arzt bei Abwesenheit des Chefs an eine eigenständige Behandlung eines kostbaren Fabergé-Eis im Nachthemdchen wagt. Ist es dann nicht nützlicher, gut mit der Hilfspflegekraft bekannt zu sein, die weitaus mehr für das tägliche Wohlbefinden beisteuern könnte?
Nützt überhaupt die nähere Bekanntschaft zu den spirituellen Oberheilern der Professorenklasse, dem Tod das eine oder andere Schnippchen zu schlagen? Tatsächlich haben Menschen in der Business-Class eines Flugzeuges bei einem Absturz kaum bessere Überlebenschancen, als die Personen in der Fußvolk-Abteilung. Selbst die räumliche Nähe zum Piloten dürfte hier wenig bringen. Allerdings kann die Zeit bis zum Untergang angenehmer verbracht werden. Mehr Platz und Intimsphäre, ein schnellerer Check-in und kostenlose harte alkoholische Getränke machen Passagiere und Patienten wohl gleichermaßen zufrieden.
Natürlich: Wenn das gesamte Familieneinkommen in eine einzige Tankfüllung fließt, so ist dies sicher nicht genug, um sich sorgenfrei der Gesundheit widmen zu können. Doch ab einem gewissen finanziellen Level ist irgendwann auch der Plafond des medizinisch Möglichen erreicht. Denn es stellt sich die Frage, wie groß der gesundheitliche Benefit eines kosmetischen Milzliftings, der Botox-Unterspritzung eines Leistenbandes oder der diagnostischen Kernspintomografie eines Einzelerythrozyten sein kann.
Das, was nachweislich gesund macht, ist vielmehr die Fähigkeit des Einzelnen, glücklich sein zu können. Und diese Gabe ist nicht ans Bankkonto geknüpft. Dass das Glücksempfinden der Ärzte bei finanziell großzügigeren Patienten größer ist, versteht sich jedoch von selbst.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 41/2008

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