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Kolumne Nebenwirkungen 9. Oktober 2008

NebenWirkungen: Ärzte müssen auch unangenehme Nachrichten übermitteln

Eine davon ist es, den stolzen Träger eines stolzen Körpers auf das mitgeführte Übergepäck aufmerksam zu machen. Dies gebieten uns die Leitlinien, und so soll es auch geschehen.

Doch seinen anvertrauten Schäfchen schonend mitteilen zu müssen, dass eine Änderung der Lebensgewohnheiten angezeigt wäre, fällt oft schwer. Schließlich muss man damit rechnen, beim Äußern derartiger Anliegen erboste Blicke und die anschließende Flucht des Patienten zu einem Kollegen, der keine derart indiskreten Forderungen stellt, zu provozieren.
Die einsichtigen Menschen werden uns hingegen an den Lippen hängen, um zu erfahren, auf welche Weise man die überschüssigen Kilos am besten loswird. Vorbildlich, mit eingezogenem Bauch und die Bonbonniere unauffällig in die Schreibtischschublade schiebend, erweisen wir uns auch in dieser Lebenslage als allwissendes Wesen. Hilfe bieten hier Kalorientabellen, die es gilt, lückenlos auswendig zu kennen. Denn sie zeigen uns – unbarmherzig wie Wahlergebnisse – in harten Zahlen an, wie sehr man sich abrackern muss, um das Punschkrapferl zu verbrennen.
So soll etwa Nordic Walking – das ist jene Sportart, die sich unter dem Namen „Spazieren gehen mit Stock“ weitaus schlechter vermarkten ließ – das ideale Tool zur Diabetes- und Hypertoniebekämpfung sein. Bis zu 600 kcal pro Stunde verschlingt diese Bewegungsart. Im Vergleich dazu kommt die in Österreich begehrte Beschäftigung „Liegen auf dem Bett“ mit 60 kcal eher mager daher. Die Schlussrechnung, mit zehn Stunden „Liegen“ käme man ohnehin auf eine Stunde „Walken“ dürfte allerdings einen Denkfehler beinhalten, den ich bislang noch nicht durchschaut habe.
Etwas mehr verbraucht der Durchschnittsmensch beim „Fernsehen“ mit immerhin rund 100 kcal die Stunde. Diese Tätigkeit darf jedoch nicht zum „Liegen“ addiert werden und ist zudem stark abhängig vom gezeigten Programm.
Für uns Ärzte besonders von Bedeutung: Beim „Golf“ gehen 460 kcal drauf, vorausgesetzt man schleppt sich sein Zeug selber. Beim „Fahren mit dem Golf“ sind es jedoch nur 140 kcal.
In der Ordination selbst verbrennen wir gerade mal 120 kcal. Wer das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden möchte, dem sei „Sex“ empfohlen, das auf 400 kcal (aktiv) und 200 kcal (passiv) kommt, was auch immer damit gemeint ist. Und ob die Krankenkassen bereit sind, neben Fitness-Einrichtungen auch Bordelle ins Leistungspaket aufzunehmen, darf bezweifelt werden.
Bewegung ist gut, Kummer bereitet uns jedoch auch die massive Zufuhr an Brennstoffen. Doch auch hier lässt sich eine nette Formulierung finden, wenn man den Patienten erlaubt, die gewohnte Ernährung beizubehalten und lediglich drei Dinge zu meiden: Fett, Eiweiß und Kohlehydrate. So präsentiert sich die drakonischste Maßnahme in durchaus freundlichem Gewand.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 40/2008

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