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Kolumne Nebenwirkungen 11. September 2008

NebenWirkungen: Spital nichts anderes, als All-inclusive-Club ohne Meer

Aus dem Urlaub kommend entdeckt man, dass ein Spital nichts anderes ist, als ein All-inclusive-Club ohne Meer. Techniken, die man weltweit zur Zufriedenheit der Touristen einsetzt, sollten daher auch hier funktionieren.

Die Ferien sind vorüber, der Alltag schlägt zu. So ist man versucht, wenigstens ein Stück vom Urlaubsglück hinüberzuretten. Doch die Griechenland-Sandalen lösen sich in den nüchternen Gängen des Krankenhauses langsam von den Füßen und auch der Geruch einer, aus einer Portion Spaghetti Frutti di Mare heraus getauchten und nun im Ärztekittel mitgeführten Miesmuschel verblasst langsam.
Allerdings kann man aus den fernen Ländern weitaus mehr in die heimischen Gefilde mitbringen, als vergängliche Souvenirs aus Hartplastik oder nicht ganz so vergängliche Geschlechtskrankheiten. Reisen können vielmehr ein Quell neuer Erfahrungen sein. Solche ideellen kulturellen Schätze gilt es zu finden und nach Hause zu nehmen. Auf der Suche nach fremden Sitten und Gebräuchen, dem Ursprünglichen, nach den Wurzeln der Menschheit, findet man – die Animation. Diese in den Ferienanlagen etablierten Unterhaltungsprogramme, zum Behufe der Kinderverwahrung oder der Führung sich selbst hilflos ausgelieferter Menschen, können natürlich auch als Vorbild für die Leitung von Patienten dienen. Denn eine mit derartiger guter Laune als freiwilliger Spaß getarnte Zwangsverpflichtung ist genau die Motivation, die wir für unsere Arbeit brauchen.
Nie mehr Schwierigkeiten mit der Compliance, kein noch so lascher Patient, der sich nicht von der Fröhlichkeit des „Hospital-Sun-Shine-Teams“ anstecken ließe. Das Angebot reicht von der „Liquid Motion“ (Unterwassergymnastik) über das „Get-up-for-the-Chief“ (den Sprung aus dem Krankenbett in eine stramme Haltung), das „Knee-Begging for Discharge“ (dem morgendlichen Nachrobben eines für die Entlassung zuständigen Oberarztes) bis zum Tabletten-Wettessen. Und der Good-Morning-Workout spart Kosten:
Zu mobilisierende Patienten bringen ihre Befunde im Lauf- und Hopsaschritt selbst in das Labor. So geht es mit der Urinprobe in der lustigen „Becher-Polonaise“ Richtung Keller. Der Blutröhrchen-Staffellauf, bei dem jeder Patient seinem Nachbarn Blut abnimmt und weitergibt, bringt für die Kandidaten wertvolle Punkte und erspart die Einstellung von Jungärzten.
Die Teilnahme am Unterhaltungsprogramm ist völlig freiwillig, der Ausstieg allerdings nicht.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 37/2008

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