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Kolumne Nebenwirkungen 27. Juni 2008

NebenWirkungen: Können Sie abschalten im wohl verdienten Urlaub?

Der Geist ist willig, doch die Zunge ist schwach, und so reisen die gewohnten Umgangsformen des Praxisalltags mit so mancher medizinischen Floskel mit in den Süden.

Das Schuljahr geht dem Ende zu und nicht nur die Eltern der lernpflichtigen Sprösslinge legen ihre Arbeit nieder, es solidarisiert sich vielmehr das ganze Land zur kollektiven Arbeitsverweigerung. Nicht einmal die Kranken wollen im Sommer so richtig krank sein, und in den Ordinationen kommt so gar keine richtige Epidemie-Stimmung auf. Also packen auch viele Ärzte ihre Sachen und schließen bis auf Weiters ihre Praxen. Dabei kann man die klassische Ordinationsdiktion getrost mit in die Ferien nehmen. Sie ist quasi ubiquitär anzuwenden.
Schon bei der Anreise ist die „Lassen Sie mich durch, ich bin Arzt“-Finte in der Warteschlange beim Check-in-Schalter ein alter Hut, aber nach wie vor sehr wirkungsvoll. Auf die Frage „Haben Sie eine Bordcard?“, kontert man geschickt mit „Ja, und haben Sie eine E-Card?“ und im Flugzeug wird die Flugbegleiterin mit „Schwester, Kaffee!“ herumkommandiert. Hat man einem Touristen den letzten Platz im Transfer-Bus weggeschnappt, so lässt sich mit einem „Da hätten Sie früher kommen müssen“ die Situation begründen. Dafür kann man dem Zurückgelassenen ein aufmunterndes „Wird schon wieder“ zurufen.
Statt mit „Guten Tag“, begrüßen Sie die Einheimischen in perfektem Spanisch mit „Was fehlt Ihnen?“ und statt Hand gereicht, wird Puls gefühlt. Vielen rutscht beim Anblick des Hotelareals ein „Das sieht mir gar nicht gut aus“ raus, doch kann die Dame an der Rezeption mit einem strengen „Überweisen Sie mich in ein anderes Zimmer!“ zur Einsicht gebracht werden.
Man kann es auch zu weit treiben, wenn beim netten Urlaubsplausch an der Poolbar der Small-Talk mit „Wann hatten Sie das letzte Mal Stuhlgang?“ begonnen wird. Das Abschieds-Gruppenfoto lässt sich am besten mit „Sagen Sie Aaahh“ schießen. Und werden Sie gefragt, wann das Boot zum Festland geht, so können Sie getrost antworten „Drei mal täglich, zum Essen“.
Auch Pannen sind auf diese Weise gut zu überspielen: Die gestohlene Brieftasche quittiert der Vollblutarzt mit „Das ist aber nicht Guideline-konform!“ und wer beim Surfen einem Schwimmer über den Kopf brettert, kann ihm mit den Worten „Das kann gar nicht wehtun“ Mut zusprechen. Vorsicht ist geboten, wenn Sie (im Glauben, dass man mit Latein überall durchkommt) für Ihre Kinder im Größenwahn auch mal „Escargot aut idem“ bestellen. Letztendlich sei
zu hoffen, dass der einzige Burn-out, den Sie im Urlaub erfahren, ein kleiner Sonnenbrand ist.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 26/2008

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