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Kolumne Nebenwirkungen 20. Juni 2008

NebenWirkungen: "Einmal geht's noch!"

Es trifft sich gut, dass es für mich zur Zeit der Fußball-EM nicht allzu aufwändig ist, Ideen für diese Kolumne zu sammeln. In diesen Tagen genügt es, Aussendungen vom gesunden Ministerium, den kranken Kassen oder der strengen Kammer zu kopieren und per Mausklick hierher zu stellen. Nun soll – eben aus höchst aktuellem Anlass – die Sache mit dem Streik noch einmal in dieses Kästchen gepresst werden.
„Streikende soll man nicht aufhalten“ heißt es in romantischen Gedichten. Ich wagte nur nicht zu hoffen, dass sich eine (hier nicht näher genannte) Landesärztekammer meine Ratschläge für die Guerilla-Kämpfe gegen die Kassengesellschaft so rasch zu Herzen genommen hat. Punkto Disziplinierung von Streikbrechern hätte so mancher Metallarbeitergewerkschafter noch einiges zu lernen. Zwar wurde nicht, wie von mir empfohlen, das Verstecken von Stethoskopen und Ultraschallköpfen oder das unauffällige Anbringen eines Schildes „Kassen-Schleimer“ an die Dienstbekleidung in die Tat umgesetzt. Doch die Androhung, eine Liste der, schändlicherweise am Streiktag arbeitenden Kollegen im Internet zu veröffentlichen, scheint mir eine durchaus zeitgemäße Idee zu sein. Dies sollte wohl einige Ärzte von ihrem verruchten Plan des mutwilligen Streikbruchs abhalten.
Für manche Kollegen kommt diese Ankündigung gerade recht. Denn in Anbetracht des Werbeverbotes muss man jede Möglichkeit zur medialen Präsenz nutzen und Kapital aus so einer Anprangerung schlagen. Mit einem Link zur eigenen Webseite, die dezidiert die Öffnungszeiten an Sonn- Feier- und Streiktagen ausweist kann man so manchen Patienten – mit gepanzerten Ambulanzwägen transportiert – durch die Kammersperren in die eigene Ordination lotsen. Auch die von der Ärztekammer empfohlenen Textblöcke zur einheitlichen Besprechung der Anrufbeantworter in den Ordinationen klingen für die Patienten eher verwirrend. Ansagen à la „Unser Gesundheitssystem ist in Gefahr! Dagegen protestieren wir und haben unsere Ordination deshalb geschlossen, um sie nicht für immer schließen zu müssen!“ kann man als hinterfotziger Streikbrecher subtil umdichten. „Heute ist Streiktag – nützten Sie die Gelegenheit, sich darüber in meiner Ordination zu informieren, und erhalten Sie hierfür zur Belohnung eine kostenlose Blutabnahme.“

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 25/2008

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