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Kolumne Nebenwirkungen 13. Juni 2008

NebenWirkungen: Die weiße Götterdämmerung hat eingesetzt

Ärzte protestieren laut gegen die Gesundheitsreform. Doch leider lief die Protestkundgebung nicht ganz nach Plan, die Wirkung blieb aus. Dabei gibt es Guidelines, wie man es richtig angeht.

Zwei erstaunliche Dinge bringt dieser Frühling. Erstens: Unsere Fußballmannschaft darf bei einer Europameisterschaft dabei sein. Zweitens: Gesellschaftlich geachtete Herren und Damen Doktoren mutieren zu wütenden Straßenkämpfern, die den Verkehr behindern. Praktisch auch, dass die Fan-Zone für die EURO in der Wiener Innenstadt schon am Streiktag aufgebaut war, sodass die Patienten-Groupies ihren Helden in Weiß zujubeln konnten. Und sie kamen alle. Nicht nur die Mediziner verließen an diesem Tag ihre Praxen, auch die Patienten räumten die Warteräume und gesellten sich zu ihren Lieblingsärzten.
Viele, so hieß es in den Berichten, hätten sich solidarisch erklärt und deshalb im Spalier der streikenden Mediziner ihre Zustimmung gegeben. Doch so altruistisch dürfte es dann doch nicht hergegangen sein. Vielmehr nützten die Patienten diesen Auftrieb der Ärzte, um unbürokratisch die eine oder andere Diagnose zu erheischen. Tatsächlich wurden im Zuge dieser Demonstration tausende Rezepte ausgestellt, Pulse gefühlt und Arzneifläschchen mit dem Konterfei des Ärztekammerpräsidenten verteilt. Es gab zudem Gerüchte, dass sich Ärzte am Rande der Protestkundgebung Straßengefechte mit der Polizei lieferten. Die Uniformierten hatten damit provoziert, die in der City abgestellten SUVs und Niederflurfahrzeuge der Streikenden, trotz „Arzt im Dienst“-Schildern zum Abschleppen freizugeben. Sonst verlief die Demonstration friedlich. Da sie jedoch generell keine große Wirkung zeigte, gilt es zu überlegen, wie man die Gegenseite in die Knie zwingen kann.
Hier daher einige Guidelines für den harten Guerilla-Kern der Ärztekammer: Zuallererst muss unter den Ärzten uneingeschränkte Solidarität herrschen. Streikbrecher werden durch das Verstecken von Stethoskopen und Ultraschallköpfen an ihrer Arbeit gehindert, zur Abschreckung wird am Rücken der Dienstkleidung unauffällig ein Schild „Kassen-Schleimer“ befestigt. Den Patienten werden leere Rezepte mitgegeben, mit dem Vermerk „aut idem“. Die Lesegeräte für die E-cards lassen sich in kleine Häcksler umbauen, die zerstückelten Karten sollen mit liebem Gruß an den Hauptverband geschickt werden. Sportmediziner seilen sich, als metaphorische Aktion, vom Gebäude der Gebietskrankenkasse ab. Und ärztliche Flitzer laufen vor den Spitälern mit Transparenten: „Lieber nackt, als mit Kittel“. Wenn alles nichts hilft, so empfiehlt die Consulting-Firma Greenpeace als letzten Ausweg noch das Anketten an die Gesundheitsministerin.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 24/2008

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