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Kolumne Nebenwirkungen 6. Juni 2008

NebenWirkungen: Reich und reich gesellt sich gern

Doch die Bilder vom klassischen Arzt als Jet-Set-Doktor verblassen langsam und die Kluft zwischen Arm und Reich kommt auch bei den Medizinern zum Vorschein. Dies treibt manche Kollegen in die Illegalität.

Standen in früheren Zeiten noch Lungenfacharzt, Chirurg und Hausarzt auf der mondänen Terrasse des Fünf-Sterne-Kurhotels in den Alpen beisammen und schlürften einen „Doc on the Beach“, so ist dieser nette soziale Umgang, aufgrund pekuniärer Schwierigkeiten mancher Kollegen, heute nicht mehr möglich. Denn nun trennt sich die Spreu vom Weizen, die wirklich reichen Ärzte von den wirklichen Ärzten, die alles andere als reich sind. Immerhin können die Top-Mediziner aus den Fenstern der Luxusbleibe den nun in der Jugendherberge abgestiegenen Allgemeinmedizinern zuwinken.
Und wahrhaftig lassen sich als Kassenarzt heute kaum mehr Reichtümer anhäufen. Die finanzielle Abgeltung eines Hausbesuches reicht gerade mal für die dafür verfahrene Tankfüllung. Wenn für das Leistungspaket „Wiederbelebung – Infusionstherapie –Legen eines Zweifach-Bypass innerhalb der Ordinationszeit“ inklusive Material rund sechs Euro rückvergütet werden, so erfüllt dies viele niedergelassene Kollegen mit Sorge.
„Hätte ich doch Maurer gelernt“, klagen die Kollegen und tatsächlich geht der Trend in Richtung extramurale Additivleistungen; zu Deutsch: Pfusch. Was die Maurer können, können wir schon lange. Weshalb sich mit Stehzeiten am Wochenende begnügen, wo Patienten dankbar sind, wenn man ihnen in ihren eigenen vier Wänden die eine oder andere Hammerzehe korrigiert oder rasch mal – in nachbarschaftlicher Hilfe und wie ein Handwerker nur um eine kleine Unkostenpauschale – einen Blutdruck einstellt.
So flüstern sich in den größten Wartezimmern der Welt, den Wiener Caféhäusern, die Patienten zu, welch günstiger, fleißiger und absolut reinlicher Arzt um acht Euro die Stunde kleine medizinische Eingriffe durchführt und auch noch den Rasen mäht. In den Annoncenteilen der Tageszeitungen findet sich neben der Kleinanzeige „pensionierter Installateur, mache alles“ bald schon „berufstätiger Arzt, mache alles billiger“.
Leider driften dabei immer mehr Ärzte auch in die Kleinkriminalität ab und verordnen Medikamente, die sich nicht in der grünen Box befinden. Skrupellose Menschen mit krimineller Vergangenheit im Hauptverband nützen die auf der Straße gelandeten Ärzte für ihre Zwecke aus. Hilfe gibt es in Ärztehäusern, die neben einer sicheren Übernachtungsmöglichkeit und einer warmen Suppe auch dafür sorgen, dass die Mediziner aus ihrer Zunft aussteigen und sich über den zweiten Bildungsweg wieder in die Gesellschaft eingliedern können.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 23/2008

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