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Kolumne Nebenwirkungen 29. Mai 2008

NebenWirkungen: Die Gesundheitsreform stellt Angriff dar

Die Gesundheitsreform stellt in den Augen vieler Kollegen einen massiven Angriff auf Körper, Leib, Seele und Geldbörse dar. Doch Rosen haben Dornen, Ärzte einen Dorner. Und deshalb wird es einen Generalstreik geben. Aut idem.

Auf die Unruhen in unserem Land darf man gespannt sein: Ärzte in ganz Österreich marschieren protestierend durch die Städte, am abgemagerten Körper T-Shirts mit dem Konterfei des ärztekammerlichen Revolutionsführers. Die in rot/schwarz gehaltenen Che-Dorner-Leibchen zeigen die bedingungslose Sympathie mit dem Patientenfighter, der die heimischen Ärzte in den Streik führt und sich dabei vor nichts fürchtet; außer davor, ignoriert zu werden.
Einer der kritisierten Kernpunkte der diabolisch-ministeriell ausgeheckten Reform ist die Aut-idem-Regelung: Der Arzt darf nur mehr einen Wirkstoff verordnen, die Wahl des Medikamentes obliegt dem Apotheker. Abgesehen von den Patienten, die das bange Gefühl überkommt, nicht mehr mit „Schmied-Medikamenten“ behandelt, sondern mit „Schmidel-Tabletten“ abgespeist zu werden, ist diese Situation auch für uns Ärzte besorgniserregend. Denn war bislang der Mediziner umsorgtes und umhätscheltes Objekt der industriellen Begierde, wird sich der Minnesang der pharmazeutischen Industrie nunmehr an die Apotheker richten.
Geht es nach dem Hauptverband, so soll der Pharmazeut das günstigste aller exakt gleichen Präparate abgeben. Da flammt die alte Diskussion wieder auf, ob nun dasselbe und das Gleiche tatsächlich dasselbe oder doch nur das Gleiche sind. Wenn man in seinem Stammbeisl „ein Bier aut idem“ bestellt, bekommt man – je nach Verfügbarkeit – wahlweise eine Hopfenschorle, eine Kräuterlimonade oder Wasser.
Ein Restaurant darf sich bei Bestellung eines grünen Veltliners die Freiheit nehmen, denselben aus einer Edel-Bouteille oder aus dem Tetra-Pak ins Glas zu füllen. Trauben sind schließlich Trauben und daher absolut idem.
Auch kann man seine Patienten an einen Radiologen überweisen, um mit einem „Knieröntgen aut idem“ die Entscheidungsfreiheit des Kollegen nicht allzu sehr einzuschränken. Dieser kann sich dann aussuchen, ob er das linke oder rechte Knie durchleuchten möchte; je nachdem, welche Seite gerade im Angebot und damit kostensparend ist. Bei der Bitte um „Exzision des Muttermals aut idem“ können vom Dermatologen, so es damit billiger wird, auch Hühneraugen, Hämangiome oder Fingerendglieder entfernt werden. Entfernt ist entfernt!
Die Sorge gilt somit, ob denn die abgegebenen Mittel wirklich „idem“ und nicht lediglich „simile“ sind. Und sind wir uns ehrlich – verglichen mit dem kubanischen Vorbild ist unser Che auch eher „aut ganz anders“.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 22/2008

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