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Kolumne Nebenwirkungen 23. Mai 2008

NebenWirkungen: Ärzte-Sticker

Nicht nur Kinder befällt seit den siebziger Jahren das chronisch rezidivierende Phänomen, Stickeralben vollkleben zu müssen. Was sich bei Fußball-Großereignissen bewährt hat, sollte auch Spitäler etwas hipper machen können.

Bestellt man in einem durchschnittlich ambitioniert geführten italienischen Lokal Panini, so kann man einen Haufen Brötchen auf dem Teller erwarten. Zu bestimmten Zeiten wird man bei dieser Order jedoch nichts anderes erhalten als in Sticker reinkarnierte Fußballstars. Diese machen zwar nicht satt, dafür aber pleite.
So beobachten Eltern besorgt ihre Sprösslinge beim Sammeln, Tauschen und Kleben der begehrten Panini-Sticker, den Beginn einer Drogenkarriere vor Augen, wenn das gesamte Taschengeld in kleine Tütchen investiert wird. Doch auch in den Gängen der Krankenanstalten wird gedealt. In den sonst mit kleinen medizinischen Fibeln oder Stauschläuchen vollgestopften Kitteltaschen der Ärzte finden sich nun dicke Stapel mit Ballkünstlern vieler Nationen. Und wenn zwei Kollegen bei der Visite ihre Köpfe über der Fieberkurve zusammenstecken, so werden nicht zwangsläufig Befunde diskutiert. Es wechselt mitunter auch der eine oder andere Portugiese den Besitzer. Stößt der Anästhesist hinter seinem Vorhang ein bedauerndes „Na geh, schon wieder Dubletten!“ aus oder bittet der Chirurg seinen Assistenten bei der Operation, ihm die „Nummer 250“ auszuhändigen, dann geht es kaum mehr um Medizin.
Die Stickeralben haben Tradition und schaffen es, die Begeisterung für den Fußball weit über den Kreis der echten Fans zu erweitern. Warum also nicht ein verbessertes Gesundheitsbewusstsein mit einer ähnlichen Aktion erreichen? Man könnte den Patienten bereits bei der Aufnahme in ein Krankenhaus ein leeres Stickeralbum in die Hände drücken. Sticker gibt es für jeden schmerzhaften medizinischen Eingriff, jedes aufgegessene Mittagsmenü und vor allem für jeden erfolgreichen Stuhlgang.
Alle Bilder des gesamten Krankenhausteams zu besitzen ist ein Ziel, das die Patienten zur bedingungslosen Mitarbeit motiviert. Es ist natürlich darauf zu achten, dass die Assistenzärzte in hundertfacher Ausfertigung, der Primar jedoch als Unikat gedruckt wird. Begehrt sind Gruppenfotos der gesamten Belegschaft sowie themenspezifische Abbildungen, etwa eine ansprechende Leberzirrhose, bestehend aus vier Einzelstickern. Unter dem Motto „Stick it like Beckham“ werden auf den Gängen Tauschbörsen veranstaltet, sodass selbst der bettlägerigste Komapatient aus dem Zimmer robbt, um den doppelten Oberarzt der Gynäkologie gegen den chirurgischen Bettenschieber zu tauschen. Bei voll geklebtem Album darf man sich ein teures Originalmedikament aus der Anstaltsapotheke aussuchen.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 21/2008

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