zur Navigation zum Inhalt
 
Kolumne Nebenwirkungen 16. Mai 2008

NebenWirkungen: Medizinerkick

Das Leben ist ein Spiel, das Krankenhaus ein Stadion, der Patient ein Ball. Man kann sich der kommenden EM kaum entziehen.

An dieser Stelle wurden bereits eingehend die Nebenwirkungen der Fußballeuropameisterschaft erläutert. Vielen Kollegen im Spital hält dieses Großereignis zudem vor Augen, wie sehr das reale Leben extramural an ihnen vorbeiläuft. Und wenn man schon nicht live beim Fußball dabei sein kann, so soll der Geist der EM wenigstens andeutungsweise in der Arbeitswelt der Krankenanstalten zu spüren sein. Ein wenig Spaß an der Freude darf in der Klinik nicht fehlen, und so manche Behandlungsroutine kann durch die grüne Brille des Fußballs als spannendes Match gesehen werden:
Es geht um die entscheidenden Spieltage im Kampf der konser­vativen Internisten gegen die Chirurgen. Ein sorgsam ausgewählter Patient wird zum Ball erklärt. Als Schiedsrichter fungiert der Pathologe.
Anpfiff vom Chef; es beginnen die Internisten. Anfangs das übliche Hin- und Hergeplänkel; ein kurzer Pass zum Labor, den einen oder anderen Fachkollegen geschickt überdribbelt und wieder Rückspiel an die Abteilung. Doch allzu lange dürfen sie sich jetzt nicht Zeit lassen, denn jetzt schon kommen die ersten Pfiffe aus den Rängen der Angehörigen und von Seiten der Hauptverband-Ultras. Nun der erste Vorstoß der Konservativen: Ein brandgefährlicher Oberarzt prescht in völligem Alleingang in den gegnerischen Strafraum. Die Abwehr hat kaum Chancen – sollte dies die Entscheidung bringen? Nein! Mit einer kapitalen Fehldiagnose wird der Ball weit ins Out befördert.
Abstoß schneidende Zunft. Ein tiefer Schnitt weit ins Feld hinein, die Internisten werden überhoben. Doch auch dieser Pass verläuft sich ins Leere, ein rasch herbeieilender Gefäßchirurg schafft es lediglich, einen zufällig herumstehenden Diabetologen anzuschießen, so dass der Ball an diesem abprallt. Der Leitlinienrichter entscheidet auf Eckball.
Dicht gedrängt steht die internistische Abwehr im Strafraum, um den Ball wieder in ihren Besitz zu bekommen; die Hände vor den Weichteilen, um sich gegen die Tiefschläge der Chirurgen zu schützen. Wieder ein beherzter Schnitt, der Ball geht knapp vor das Tor, die Internisten, mit ihren bekannt großen Köpfen, köpfeln den Patienten jedoch wieder ins Mittelfeld und damit an den Start. Das Spiel bleibt torlos.
Zu guter Letzt geht es darum zu beurteilen, wer nun tatsächlich gewonnen hat. Der Orthopäde spricht von einem lahmen Ergebnis; der Radiologe meint, alles schon von Beginn an durchschaut zu haben, doch man fragt ihn ja nicht; die Internisten betonen die groben Verstöße der Gegner gegen die Guidelines und die Chirurgen reisen erbost in ihren Sportcoupés ab. Nur der Urologe plädiert für Verlängerung.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 20/2008

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben