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Kolumne Nebenwirkungen 17. April 2008

NebenWirkungen: Liberalisierung des Medikamentenvertriebs

Der lustige Disput zwischen Ärzten und Apothekern, wer nun Medikamente vertreiben darf, verstellt die Sicht auf die wahren Gewinner der Liberalisierung: Die Drogeriemärkte basteln eifrig daran, ihre Filialen in medizinische Kompetenzzentren zu verwandeln.

Die Amerikaner tun es. Die Deutschen können es bald tun. Und Österreich hat sich, abgesehen von radioaktiven Steckdosen, bislang noch jedem Trend angeschlossen. Lange kann es nicht mehr dauern, denn die EU drängt darauf, den Medikamentenvertrieb auch hierzulande zu liberalisieren. Die Bevölkerung soll Tabletten demnach nicht nur, wie heute üblich, in Apotheken und auf dem Karlsplatz beziehen können. Und auch wenn sich die Pharmazeuten noch recht siegessicher geben, ist es nur mehr eine Frage der Zeit, bis der freie Wettbewerb das Immunsystem der apothekarischen Hoheitsansprüche infiltriert.
Schließlich versteht man in der Bevölkerung den „Apothekerpreis“ nicht als Auszeichnung für eine besonders gelungene Schaufensterdekoration in einer pharmazeutischen Boutique, sondern als Synonym für Hochpreisiges. Die Unzahl an Tabletten, die die Ärzteschaft ihren Patienten tagtäglich verordnet, liegt daher tonnenschwer auf den Haushaltsbudgets und treibt die Inflation noch mehr in die Höhe. Hier könnte sich sogar die OPEC noch Anregungen holen.
Umso rascher wird sich eine dem goldenen Kalb des Discounts frönende Gesellschaft davon begeistern lassen, ihre geliebten Pulverl auch woanders abholen zu können. Was heute noch hinter vorgehaltener Maus aus dem Internet bestellt wird, soll bald schon die Regale der Drogeriemärkte zieren. Ohne lästige Umwege über Arzt oder Apotheker!
Bedenken hinsichtlich mangelnder oder inkompetenter Beratung kann man getrost verwerfen, denn kaum eine andere Berufs­sparte kennt Schmink-, Toiletten-, und Kondomverhalten ihrer Kunden so gut, wie die Damen an den DM-Kassen. Man spricht hier ungezwungen im Small Talk über alle Beschwerden, vom Überbein bis zum Unterleib. Warum sollten daher nicht gerade diese Fachkräfte gleich mit dem gezielten Griff zum Benzodiazepin oder zum Morphium zufriedene Kunden schaffen, die gerne wiederkommen. Und hier bekommt man auch die Großpackungen zum kleinen Preis. Die Vorteilskarte ersetzt die e-Card, die Bonuspunkte das Suchtgiftrezept. Bestehen Unklarheiten, etwa vor Abgabe eines Magensäurehemmers, so kann im angeschlossenen Beauty-Salon mit einer kleinen Gastroskopie rasch Klarheit geschaffen werden. Vor der Kasse gibt es für den kleinen Hunger auch einzeln verpackte Psychopharmaka.
So wird es geschehen. Bis die Ärzte zurückschlagen und eine Rezeptpflicht auch für Klopapier und WC-Reiniger einfordern. Sicher ist sicher.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 16/2008

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