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Kolumne Nebenwirkungen 10. April 2008

NebenWirkungen: Boom von Impfpartys

Der Ausbruch der Masernepidemie führt zu panikartigen Grundstücksverkäufen in Salzburg, Stornierungen bei Waldorfschulen und einem Boom von Impfpartys.

Meine Dauerpatientin Frau K. (81) kam völlig außer sich in meine Praxis. Sie hätte nicht mehr lange zu leben, würde gerne ihre Sammlung an gehorteten Medikamenten testamentarisch der Organisation „Kanarienvogel e.V.“ vermachen und sich von mir nun eine gehörige Portion Morphium rezeptieren lassen, um nicht allzu sehr leiden zu müssen. Auf meine besorgte Frage, wieso sich die betagte Dame ihres Ablebens so sicher wäre, kam die erschütternde Antwort, sie habe sich „mit diesen Masern angesteckt“.
Den Medien konnte sie entnehmen, wie die Seuche unaufhaltsam auf ihre Wiener Kabinettwohnung zusteuerte. Bilder von mit Schnabelmasken ausgestatteten Salzburger Ärzten und einem militärisch in Quarantäne abgeschirmten Premierenpublikum bei den Osterfestspielen zeugten von der Dramatik der Ereignisse. Lediglich die japanischen Touristen verhielten sich wie immer und liefen mit Mundschutz durch die Altstadt. Diese Bedrohung kam, aufgrund der zunehmenden Globalisierung, nun auch nach Wien.
Mein Verdacht, Frau K. hätte sich in einem Kindergarten aufgehalten oder an einem der zahllosen Masern-Clubbings teilgenommen, bestätigte sich nicht. Vielmehr sei sie in ihrer Lieblingsstraßenbahn einem Buben gegenübergesessen, der dem Aussehen nach zu einem Waldorf-Verein gehörte. Und damit zu jener gefährlichen Sekte, die mutwillig Anthrax-Bazillen und die Vogelgrippe verbreite. Die selbstgebastelte Schultasche, der stechende Blick und dieses antiautoritär-zappelige Verhalten des Kindes bestätigten ihren schrecklichen Verdacht, dass sich diese Menschen in die Normalbevölkerung mischen, um sie anzustecken.
Mit der lauten Bemerkung, solche Kinder (unter Hinweis auf unterlassene Hilfeleistung unmündiger Personen nach US-Vorbild) mit Ritalin vollzupumpen, damit sie ruhiger sitzen, verließ Frau K fluchtartig die Straßenbahn, desinfizierte sich innerlich mit Franzbranntwein, ließ sich in alle vier Extremitäten eine Impfung geben und stand nun besorgt in meiner Praxis. Ich beruhigte die aufgebrachte Dame, schickte sie nach Hause und impfte mich zur Sicherheit nachher nochmals selber.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 15/2008

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