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Kolumne Nebenwirkungen 3. April 2008

NebenWirkungen: Lange Schatten trotz niedriger Sonne

Wenn die Sonne des Fußballsports niedrig steht, werfen selbst Österreicher lange Schatten voraus. Selbst diese Kolumne verdunkelt sich. Denn auch für EM-desinteressierte Kollegen bedeutet dieser Event die gnadenlose Urlaubssperre im Juni.

Meine liebe Frau, Ärztin in einem Wiener Gemeindespital mit historischem Flair (das Spital, nicht die Frau), darf mit mir im wunderbare Monat Juni keine ausgedehnte Urlaubsreise antreten. Schuld daran ist eine Ballsportart, die hierzulande in perfektem Dilettantismus beherrscht wird. Danke.
Doch man geht davon aus, dass die Ambulanzen von den Zusehern gestürmt werden. Zu erwarten sind, neben Verletzungen, aufgrund der spannenden Spiele viele akute kardiovaskuläre Events bei den Gästen sowie Magengeschwüre bei den heimischen Fans.
Tatsächlich treibt jedes Spiel die Inzidenz an Herzinfarkten und Co. in ungeahnte Höhen. Dieses Phänomen war bereits bei der Deutschland-WM zu beobachten, und so hält sich die Österreichische Nationalmannschaft auf strikte Weisung von KAV-Chef Marhold persönlich spielerisch bereits jetzt schon zurück.
Man trainiert auch schon für den Ernstfall. Alle verfügbaren Kräfte müssen zusammenhelfen und zur Not auch niedrige Tätigkeiten, wie die Entsorgung retrograd wiedergegebener Nahrungsmittel, durchführen. Mitunter muss dann wohl auch ein Verwaltungsdirektor Hand anlegen.
Abgesehen von medizinischen Notwendigkeiten soll aber vor allem das Eine demonstriert werden: Österreich ist doch eine Fußballnation! Dies soll jeder Patient auf Schritt und Tritt spüren. Die Spiele werden längst nicht mehr auf dem grünen Rasen entschieden, sondern auf dem grünen OP-Tisch.
Mit Juni beziehen somit alle größeren Gemeindespitäler von der Merchandising-Abteilung bunte EM-Bettwäsche. Das Personal soll abends am Eingang stehen und begrüßt die Fan-Busse voller verletzter und alkoholintoxikierter Fußballfreunde mit der „Welle.“ Die Ärztekammern bieten Diplomfortbildungen im Gaberln an und tausende Infusionslösungen mit Malz, Hefe und Hopfen (5%) liegen für den Notfall bereit. Die Visite läuft in die Patientenzimmer ein, stellt sich auf, singt die Bundeshymne und wirft eine Münze, ob der Chirurg oder der Internist beginnen darf. Jede Diagnose wird in Sprechchören vervollständigt: Auf ein vom Primar geäußertes „Diabetes“ schmettern die umstehenden Ärzte ein „mellitus!!“ in den Raum. Fouls durch fächerübergreifend behinderndes Haxlstellen werden durch eine Verordnung aus der roten Box geahndet; unbegabte Assistenzärzte bei chirurgischen Eingriffen mit Schlachtrufen, wie „Gelbe Karte, rote Karte, ausse mit der Sau!“ aus dem Operationssaal verwiesen.
Ob es auch für die hiesigen National-Kicker eine Urlaubssperre geben wird, ist noch unklar. Bislang trafen elf Urlaubsanträge für den Zeitraum Juni bei Teamchef Hickersberger ein.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 14/2008

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