zur Navigation zum Inhalt
 
Kolumne Nebenwirkungen 28. März 2008

NebenWirkungen:

Viel wurde in diesem Ärztemedium bereits über die Existenz von Gangbetten geschrieben. Die Betreuung auf weitem Flur ist noch Alltag. Viele nennen es das „längste Krankenzimmer der Welt“, manche schätzen diesen Ort jedoch aufgrund der weltoffenen Atmosphäre.

Vor einem Jahr stand es nicht rosig um die Zukunft der Gangbetten. Man verkündete mit hämischem Stolz das Aus dieser liebgewonnenen Tradition. Doch zum Glück funktioniert das neue Patienten-Schlicht-Management noch nicht ganz reibungsfrei, und so findet der kulturinteressierte Besucher in den Krankenanstalten am Gang noch eine Menge Betten mit menschlichem Inhalt (Führungen nach Anmeldung).
Einer Wiener Gesundheitsstadträtin zufolge stellen „Gangbetten eine schwere Verletzung der Intimsphäre der Patienten dar und stören den Genesungsprozess“. Doch man sollte die ganze Sache nicht so negativ formulieren. Schließlich wurde bislang kaum ein Patient auf dem Gang vergessen. Erst das Wegschieben des Bettes in ein leeres Krankenzimmer führt zu derartigen Problemen. Angehörige brauchen sich zudem nicht mehr lange auf die Suche begeben, sondern stolpern förmlich über die Omi drüber. Und medizinisch interessierte Patienten können kleine Eingriffe am Krankenbett, wie Blutabnahmen, Harnkatheter setzen oder die aktuelle Leibschüsseltechnik quasi bed-side-geteached erlernen. Zum Vorwurf mangelnder Intimität sei gesagt, dass diese in einem Krankenhaus generell an der Pforte, gemeinsam mit der Selbstbestimmung, abgegeben wird. (Diese kann in einem Schließfach verwahrt und nach dem Spitalsaufenthalt wieder entnommen werden.)
Der Gang ist in seiner Attraktivität nicht zu unterschätzen. Auch die ÖBB haben nicht nur Abteile, auch Großraumwagen sind begehrt. Gang ist sexy! Kaum ein anderer Ort wird dermaßen stark von Ärzten und Schwestern aller Dienstgrade frequentiert. Und ein wenig Geschicklichkeit im Umgang mit dem Infusionsschlauch lässt so manchen Primar neben dem Krankenbett straucheln und damit auch gleich in ein Gespräch verwickeln. Nein, ein schlechter Ort ist dies nicht. Und deshalb wäre eine Image-Kampagne zur Rettung der Gangbetten weitaus besser geeignet als der infauste Versuch, die Betten – notfalls auch senkrecht – in die Krankenzimmer zu stapeln.
Interessanterweise finden sich in den seltensten Fällen Menschen mit privater Zusatzversicherung auf dem Gang. Dies liegt jedoch lediglich daran, dass die Zimmerpreise für die Versicherung von den Spitälern auch nach Quadratmetern berechnet werden, sodass diese Variante eigentlich kaum leistbar wäre.
Wenn Sie also ein kontaktfreudiger, offener Mensch sind, der großzügige Räumlichkeiten schätzt und Wert auf mitleidige Blicke vorübergehender Menschen legt, dann ist das Gangbett genau die richtige Alternative für Sie.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 13/2008

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben