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Kolumne Nebenwirkungen 7. März 2008

NebenWirkungen: <br />Medizintourismus boomt

Teuer ist es hierzulande, gesund zu werden. Umso billiger ist es dafür anderswo. So boomt der Medizintourismus als Ausweg aus den finanziellen Nöten der heimischen Krankenkassen.

Medizin ist Luxus. Ein Spitalstag (ohne Extras, wie Operation oder Zuwendung durch den Primar) kostet mehr, als etwa eine schöne kleine Urlaubsreise. Dies wissen vor allem die Krankenkassen und in anderen Ländern, mit anderen Sitten, schicken diese ihre Versicherten eben lieber auf weite Reisen, statt in ortsansässige Krankenhäuser. Englische Krankenkassen beteiligen sich an den Reisekosten, wenn ihre Patienten einen Ausflug nach Thailand unternehmen, um dort billiger operiert zu werden. Die Kasse spart sich auf diese Weise eine Menge Geld, die Patienten genießen es, gleich dranzukommen und als Gast so behandelt zu werden, wie man es von einem „Hospital“ an sich erwarten kann. Der Medizintourismus ist auf dem Vormarsch.
So weit wollen wir in Österreich aber nicht gehen. Wir sind zwar, ob der Sopron’schen Zahnflucht, ein gebrandmarktes Land, umso besser kennen wir uns aber mit der günstigen Lohnsituation in „Good New Europe“ aus. Das Gute liegt doch quasi vor unserer Haustür! Die neuen EU-Freunde bieten eine Reihe medizinischer Einrichtungen mit Ärzten, um deren Gehälter sich die hiesigen Chirurgen gerade mal eine Hand waschen.
So etwas macht den erkrankten Kassen Mut. Und der Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt. Ein Bahnticket nach Rumänien ist ungleich günstiger, als ein Rettungstransport vom „alten“ ins „neue“ AKH. Wie viel Geld man da sparen (und es vielleicht in einen Gegen-Streik-Fonds für kommende Ärzteproteste investieren) könnte …
Die Fluggesellschaften locken mit Sauerstoff auch ohne Druckabfall in der Kabine und setzen auf Krankenschwestern statt Stewardessen. Bei Buchung einer Verlängerungswoche ist die Nahtentfernung gratis, sonst müssen die Patienten für die Wundkontrolle eben nochmals anreisen. Im Notfall sorgt ein Call-Center mit freundlichen Mitarbeitern und rumänischer Vorwahl für den reibungslosen Ablauf kleiner Notfälle in der Heimat. Über diese Mitarbeiter können auch die Reisen gebucht, Versicherungen abgeschlossen oder Pokergemeinschaften vermittelt werden.
Auch die Eigenanreise in die sonnigen OP-Paradiese ist möglich und wird von den Patienten sicher genutzt werden: Staut man heute auf der Autobahn noch mit sperrigem Surfbrett auf dem Dach und Schlauchboot im Kofferraum gegen Süden, so geht es künftig rasch Richtung Bukarest, um rechtzeitig zur Happy-Hour die eine oder andere Hüfte ergattern zu können. Die speibenden Kinder am Rücksitz rufen bei der Ankunft nicht mehr begeistert „Meer!“, sondern „Klinik!“.
Und wenn’s ganz günstig gehen soll, so sind die Neun-Euro-Pauschalangebote mit Busreise, Lungenflügelresektion und Heizdeckenpräsentation unschlagbar. Den Hauptverband freut‘s. Und geht’s der Kasse gut, geht’s uns allen gut, heißt es doch. Oder so ähnlich.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 11/2008

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