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Kolumne Nebenwirkungen 28. Februar 2008

NebenWirkungen: Medizinisches Wissen ins Volk

Wer seine Patienten umfassend medizinisch betreuen möchte, der muss vom hohen Fachliteratur-Ross steigen, um in der niederen Kultur der Boulevardzeitschriften jene Information zu finden, die wirklich praxisrelevant ist.

Wissen Sie eigentlich, welche Lektüre in Ihrem Wartezimmer für die zwangsweise geduldigen Patienten bereit liegt? Vielleicht das bereits vergilbte Heft der Frau im Spiegel, Ausgabe 1912, neben dem Abstract eines aktuellen Artikels des English Journal of Surgical Disaster? In der Regel stapeln sich zahlreiche Seitenblicke-Magazine neben einer Flut von Info-Broschüren des Gesundheitsministeriums. Zwar ist es fein, den übervollen Altpapiereimer im Wartebereich zwischenlagern zu können, doch sollte die Art der Lektüre auf die Patienten abgestimmt sein. Wenn sich Siebenjährige staunend über die „neuen Operationstechniken bei Gebärmuttersenkung“ hermachen, blättern ältere Herzpatienten vielleicht etwas weniger begeistert in der neuen Bussi-Bär-Ausgabe.
Zugegeben: Frisör- und Arztbesuch bieten Gelegenheit, seinen eingeschränkten Medien-Horizont massiv zu erweitern. Und auch ich schätze es, in Zeitschriften zu lesen, die ich in der Trafik nur im Flüsterton und mit hochgeschlagenem Kragen erwerben würde. Die hochglänzenden bunten und meist für Frauen bestimmten Gazetten führen einen in Welten, die noch nie ein Mann zuvor gesehen hat.
Zwischen „Heino, betrügst du deine Fans?“, „Ich bin entsetzt, meine Enkeltochter (14) schminkt sich schon“, „Ausgehfein in nur 5 Minuten“ und „Prinz August heiratet seinen Schwiegervater“ finden sich medizinische Berichte, die auch für Ärzte viel Neues zu bieten haben: Wie man mit Laser wieder brillenlos sehen kann, ein Fußbad aus Lorbeerblättern die Schweißkasler wieder duften lässt und koreanische Ärzte einen Penis aus der kleinen Zehe modellieren können. Staunend liest man von jenen Themen, über die man von seinen Patienten immer wieder ausgefragt wird. Hier und nicht in den Lehrbüchern sind die Antworten zu finden.
Ich wusste zum Beispiel nicht, dass ein australisches Unternehmen ein Verfahren entwickelt, das Milchkühe Antikörper gegen den Helicobacter pylori produzieren lässt. Und dies muss man natürlich wissen, wenn der nächste Patient mit Sodbrennen bei der Tür reinstolpert und fordert: „Herr Doktor, können Sie mir diese Kuh verschreiben?“
Besonders interessant finde ich die „Hilf dir selbst“-Artikel. Genaue Anleitungen ermöglichen eine Reduktion des Cholesterinspiegels, ein einfaches Auffinden von Akupressur- und G-Punkten und bieten auch Hilfestellungen für die kleine Mandeloperation zu Hause. Doch Vorsicht: Die Erkenntnis, dass man im Prinzip mit einer Bunten weitaus gesünder werden kann als durch den Arztbesuch, lässt so manchen Patienten das Wartezimmer fluchtartig verlassen und zur Selbsthilfe schreiten.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 9/2008

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