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Kolumne Nebenwirkungen 21. Februar 2008

Nebenwirkungen:<br />Das Ende einer halbgottähnlichen Ära?

Ein Haufen voller Ärzte im weißen Kittel, demonstrierend um mehr Geld – ein Bild für Spötter. Sollen derartige Entwicklungen etwa das Ende einer halbgottähnlichen Ära einleiten?

Wer nur aus pekuniärer Motivation, weniger aus idealistischen Beweggründen, die ärztliche Laufbahn eingeschlagen hat, der gerät nun in eine massive Sinnkrise. Das Audimax der Wiener Universität (ein Ort, an dem traditionellerweise eher basisdemokratische GRUWI-Studenten die 60er-Jahre-Studentenrevolten aufleben lassen) voller Mediziner, Fäuste schwingend gegen Einsparungen im Gesundheitssystem. So etwas schockiert. Denn wozu hat man einen derart prestigeträchtigen Beruf ergriffen, wenn man sich nun auf einer Ebene mit Fabrikarbeitern aus Liverpool wiederfindet?
Obwohl alles natürlich zum Wohl der Patienten geschieht, hält sich die Solidarität in der Bevölkerung – repräsentativen privaten Umfragen zufolge – in bescheidenen Grenzen; haben Ärzte mit besprayten Protestschildern in gewisser Weise doch eine „Die Reichen werden nicht erfreut sein“-Aura. Daher sollen die Patienten auch vermehrt darüber aufgeklärt werden, dass einem durchschnittlichen Kassenarzt Ordination und Visiten keine allzu güldene Nase verschaffen.
Und sind wir doch noch, zugegebenermaßen, meilenweit von der viel zitierten Putzfrau entfernt (die eigentlich denselben Stundenlohn bekommt wie ihr schwarz Dienst gebender Arzt), spüre ich auf Schritt und Tritt eine Abwertung unseres Berufsstandes.
Vor vielen Jahren schon hatte mich die Beobachtung beunruhigt, dass intensivmedizinische Kardiologen nicht im göttlichen Weiß, sondern in einem Orange gekleidet waren, das der Schutzbekleidung der Abfallprofis der Stadtverwaltung ähnelte. Und nun kann es passieren, dass just diese Müllbeseitiger dem Arzt nicht mehr aus Ehrfurcht die Strasse freimachen, sondern sich mit feixendem Blick besonders viel Zeit für die Entleerung der Tonnen nehmen. Die Kreditwürdigkeit von Ärzten sinkt bei den Geldinstituten, schon wird ein Bürge verlangt, der zumindest Reinigungskraft ist. Auch dem heiratswilligen Jungarzt, der mit Cognac, Zigarre und Promotionsurkunde beim Schwiegervater um die Hand der Tochter anhält, wird mit einem „Was, Sie haben nicht einmal eine solide abgebrochene Lehre?“ die Tür gewiesen.
Geht es finanziell weiter so bergab mit uns, mehren sich die am Existenzminimum vegetierenden Kassenärzte bei der Suppenausspeisung und bekommt die Ärztekammer aus Solidarität Geld vom Gewerkschafts-Streikfonds der Bremerhavener Dockarbeiter, so war’s das mit dem schönen Status. So kann ich nur darauf hoffen, dass meine Kinder anständige Berufe erlernen.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 8/2008

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