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Kolumne Nebenwirkungen 15. Februar 2008

NebenWirkungen:<br>Die g'sunde Patientenwatsch'n ist out, es gibt besseres zur Motivation

Als Mediziner muss man auch manchmal streng zu seinen Schäfchen sein. Die g‘sunde Patientenwatsch‘n wird zwar auf breiter Basis bei den Ärzten noch befürwortet, modernere Erziehungsmethoden sind jedoch auf dem Vormarsch.

Manche Kollegen sind durchaus für eine Züchtigung unartiger Patienten. Klassische Drohungen, wie „Machen Sie so nur so weiter, dann brauchen Sie sich keine Langspielplatte mehr zu kaufen“, stehen ganz oben auf der Hitliste. Aber auch die von posterior kommende G‘nackwatschen „Wenn Sie schon nicht für sich selbst vernünftig agieren, so denken Sie zumindest an die designierten Hinterbliebenen“, ist ein Renner. Und wer eine ihm zugedachte Therapie verweigert, gilt sowieso als gemeingefährlich. Von den „eigenen Grabschauflern“ bis hin zu den „Freibeutern des Sozialsystems“ – den phantasievoll-vorwurfsvollen Attacken sind keine Grenzen gesetzt. Diese (meistens nur) verbal erfolgenden Maßregelungen sollen den unvernünftigen Zeitgenossen ein besseres Gesundheitsbewusstsein einprügeln. Drohgebärden gegen die „Achse des Bösen“ (Cholesterin-Hypertonie-Patient) sind zwar weit verbreitet, jedoch oft nutzlos.
Dabei sollten wir doch längst wissen, wie es richtig geht. Haben uns nicht Werbeindustrie, joggende Motivationsforscher und prä-elektive Politiker gezeigt, dass nur die positive Verstärkung eine Veränderung im Kauf-, Lauf- und Wahlverhalten bewirkt? Warum also nicht seine Patienten zur Abwechslung mal motivieren, statt zu erschrecken – auch wenn die neunschwänzige Medizinpeitsche durchaus ihren sadistischen Reiz hat.
Denn wenn wir unseren widerborstigen Patienten mit Elektroschockhalsbändern den Griff zur Zigarette oder mit kleinen Mausefallen im Kühlschrank die Schokocreme vergällen wollen, so wird dies zwar – streng nach der Pawlow’schen Lehre – funktionieren, aber nicht auf Dauer. Ein „Toll, dass Sie nur mehr die 50-prozentige Mayonnaise auszuzeln“ ist daher besser geeignet als ein schnippisches „Noch ein halbes Butterbrot, und Sie können sich Ihren Grabstein aus Cholesterin selber gießen.“ Langfristige Veränderungen brauchen Lob, Streicheleinheiten und Prämiengeschenke:
So wären lustige Sammelbilder auf dem Boden von Medikamentenpackungen motivierend, für ältere Menschen etwa Professor-Hademar-Bankhofer-Pin-up-Sticker; beim Labor-Bingo bekommt man bei Erreichen von fünf angesagten Zielwerten eine Heizdecke; und für jeden gesenkten Millimeter Hg erhält der Patient ein Brieflos (Mitglieder der Hochdruckliga sowie Kardiologen, die sich in betrügerischer Absicht medikamentös ihren Druck auf 30/10 mmHg absenken, sind von der Teilnahme ausgeschlossen). Erst wenn Dermatologen ihren Patienten für jedes entfernte Muttermal eine Gratis-Tätowierung versprechen, Orthopäden mit „Drei Hüften zum Preis von zwei“ locken und man bei der Koloskopie Bonusmeilen sammeln kann, können wir von einem modernen Patientenmanagement sprechen.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 7/2008

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