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Kolumne Nebenwirkungen 8. Februar 2008

"Zuckerl danach"

Das „Zuckerl danach“ ist Inbegriff kindlicher Erinnerung an den Arztbesuch. Denn der Griff ins Bonbonglas hat eine ganz besondere Qualität: Die eines triumphalen Sieges über den Weißkittler.

Über Jahrtausende erhielten Kinder bei Ärzten aller Nationen nach vollbrachter Behandlung ein Zuckerl, damit die kleinen Patienten dem Besuch doch noch irgendetwas Positives abgewinnen konnten. Dabei schwankte die Qualität der Bonbons, soweit ich mich an meine eigene Kindheit erinnern kann, zwischen grässlich und abgelaufen. Dennoch waren sie köstlich. Denn es war der Geschmack des Triumphes, der sie so begehrenswert machte. Die Herausgabe der Süßigkeit nach vollbrachter Tat war als Schuldeingeständnis des Arztes zu sehen. Eine kleine Geste der Wiedergutmachung, ein „Es war ja nicht so gemeint“, ein „Sag deiner Mutter, dass ihr das nächste Mal wieder zu mir kommen sollt, denn hier gibt es die besten Gimmicks für dich“.
Der Sinn dieser „Nachbehandlung“ lässt sich auf mehreren Ebenen finden: Bei, für die zarten Seelen schwer traumatisierenden, Racheninspektionen oder unerträglich schmerzhaften Injektionen hofft man eine Art retrograde Amnesie herbeiführen zu können, sodass lediglich eine süße Erinnerung an den Arztbesuch im kindlichen Gedächtnis haften bleibt. Es könnte auch der Versuch einer außergerichtlichen Einigung zwischen Arzt und jungen Patienten darstellen, die Schuldfrage steht schließlich außer Zweifel. Man könnte es aber auch als plumpes Schweigegeld titulieren.
Die begleitenden Eltern, hin und her gerissen zwischen liebevoller Fürsorge um den Nachwuchs und peinliches Vor-dem-Arzt-im-Boden-Versinken, missbrauchen die Belohnung oft auch zur Motivation: Von positiven Formulierungen wie „Dann gibt es auch nachher ein Zucki“, bis zu den massiven Drohungen „Dann gibt es nachher eben kein Zucki“ wird mit dem gesamten Arsenal elterlicher Verführungskunst aufgefahren, um die Brut gefügig zu machen.
Dass sich dieser schöne Brauch nicht auf die Erwachsenenwelt ausgedehnt hat, ist bedauerlich. So ein kleines Kekserl vom Polizisten nach einem saftigen Organmandat oder ein Überraschungs-Ei vom Richter nach verkündetem Urteil zu strengem Kerker würde den Delinquenten Respekt zollen und gleichzeitig ein versöhnliches Signal aussenden.
Also warum nicht auch unsere ausgewachsenen Patienten mit etwas leicht Ungesundem verwöhnen? Eine Praline nach der Blutzuckermessung; ein Schluck aus dem ärztlichen Privatcognac, um den Flüssigkeitsverlust durch die Harnprobe wieder auszugleichen oder die „Zigarette danach“ als Belohnung für die anstrengende Spirometrie. In jedem Fall würde der gierige Griff der Patienten ins Belohnungskisterl eine höhere Arztbindung bewirken, als das ausgeklügeltste Recall-System. Und dass diese kleinen Geschenke nicht die höchste Qualität zu haben brauchen, lehrt uns die Geschichte.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 6/2008

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