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Kolumne Nebenwirkungen 15. Oktober 2008

NebenWirkungen: Nahrungsmittel wirtschaftlich vermarkten

Im Gemüse sind mindestens so viele gesunde Sachen enthalten, wie in einem Medikament. Doch auch alle anderen Nahrungsmittel haben es in sich. Dieses Potential gilt es nun wirtschaftlich zu vermarkten.

Kürzlich las ich mit großer Bewunderung an einem Steckerlfisch-Stand folgenden Hinweis: „Jetzt mit wertvollen Omega-3-Fettsäuren“. Nicht nur finde ich es löblich, dass die Fische neuerdings beschließen, sich mit diesem wertvollen Stoff anzureichern. Es ist auch beeindruckend, wie sich ein Fast-Food-Etablissement um das Wohlbefinden seiner Kunden bemüht.
Der Zusammenhang zwischen Nahrungsaufnahme und Gesundheit ist natürlich keine Neuigkeit, aber die ungeahnten Möglichkeiten zur Vermarktung der Inhaltsstoffe haben sich erst in den letzten Jahren herumgesprochen. Und tatsächlich finden sich in den meisten Lebensmitteln mehr oder minder gesunde Dinge. Man kauft heute keine „Gurke“ mehr, sondern eine „functional Gurke“. Denn Inhaltsstoffe sind – in welcher Form auch immer – prinzipiell mit dem Prädikat „wertvoll“ zu kennzeichnen. Auch, wenn die Speisen per se nicht so einen traditionell gesunden Ruf haben wie Spinat oder Lebertran.
Wenn Ketchup für seine antioxidative Funktion gelobt wird und auch der Verzehr einer mit Tomaten bestrichenen, vor Fett triefenden Pizza einen krebspräventiven Effekt hat, weicht das schlechte Gewissen des Essers rasch dem Gefühl, in Wirklichkeit ein biodynamisches Heilkraut zu verspeisen. Die bunten Werbefolder von McDonald’s zeigen im Prinzip nur gesunde Inhaltsstoffe, aus heimischer Landwirtschaft und schonend mit viel Liebe von einem Mindestlöhner zubereitet. Ja, selbst das kleine Steak ist so wertvoll, wie ein kleines Steak. Auch der Würstelstand hat im Prinzip die Funktion eines Wellness-Tempels, was jedoch werbestrategisch noch ungenügend ausgeschöpft wird. Die Burenwurst ist bekanntlich gut für den Leib, das Bier für die Seele und dass Senf antimikrobiell und cholesterinsenkend ist, braucht nicht extra dazugesagt werden. Jede Schokolade wirkt nicht nur antidepressiv, sondern mit einer Extraportion Milch natürlich auch gegen Osteoporose. Kartoffelchips enthalten kostbare Kartoffeln, und das für das Überleben notwendige Salz und Gummibärchen sind gut für die Gelenke, wenn man sie intraartikulär injiziert.
Sollten im schlechtesten Fall die gesundheitsfördernden Inhaltsstoffe nur in Spuren vorhanden sein, geht immer noch der Vermerk: „Jetzt mit wertvollen Spurenelementen.“ So bleibt nach einem opulenten Mal nur zu sagen: „Danke, ich bin dreifach gesättigt!“

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 42/2008

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