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26. April 2011

Die andere Seite

Wiener Blut

Nüchternheit ist kein schöner Zustand. Darin waren sich um 13.00 Uhr alle in der Warteschlange zur Blutuntersuchung einig. Sie hatten ganz unterschiedliche Strategien entwickelt, um damit umzugehen.

„Sie haben ja sicher schon gegessen?“, fragte der freundliche Herr an der Aufnahme. „Ja freilich habe ich zu Mittag gegessen“, entgegnete das alte Fräulein. „Um zwölf“, fügte sie der Vollständigkeit halber noch hinzu und wurde heimgeschickt, um am nächsten Tag vor dem Frühstück wiederzukommen.

„Was haben Sie denn gegessen?“, fragte der unendlich geduldige, noch immer lächelnde Mann den nächsten in der Schlange. Der große Jugendliche zeigte sich siegesbewusst: „Eh nix. Nur ein Schnitzerl!“ Er musste – unbegreiflicherweise – trotzdem wieder gehen.

Am Ende war nur mehr einer übrig. Der antwortete tatsächlich auf die Frage, ob er nüchtern sei: „Jawohl, nichts habe ich getrunken, nicht einmal Wasser.“ Wegen der Burenwurstjause wurde aber auch er wieder heimgeschickt.

Die Fledermaus

Die nektarfressenden Fledermäuse, die von Forschern des Leibniz-Institutes für Zoo- und Wildtierforschung untersucht wurden, wurden erst gar nicht gefragt. Sie mussten, ob sie wollten oder nicht, zehn Stunden fasten, bevor sie an einem Experiment zur Bestimmung der Blutzuckerwerte teilnahmen (Detlev H. Kelm: „High activity enables life on a high-sugar diet: blood glucose regulation in nectar-feeding bats“, Proceedings oft he Royal Society 2011, doi:10.1098/rspb.2011.0465).

Bei dem Versuch zeigte sich, dass die nur zehn Gramm schweren Blumenfledermäuse der Art Glossophaga soricina, die trotz ihrer extrem zuckerreichen Nektarnahrung topfit und langlebig sind, den Blutzucker über ihre körperliche Aktivität regulieren können. Je aktiver die Tiere während oder nach der Nahrungsaufnahme sind, umso geringer der Anstieg ihres Blutzuckerspiegels.

Nüchtern zu sein ist nicht selbstverständlich

Die Regulierung des menschlichen Blutzuckerspiegels gestaltet sich vergleichsweise schwieriger. Und solange sich Patienten nicht wie die erwähnten Fledermäuse einfach aushungern lassen, täten Ärzte besonders gut daran, sorgfältig auf die Rahmenbedingungen ihrer Messungen zu achten, wie folgende Begebenheit zeigt: Es ging der älteren Dame weder wahnsinnig schlecht noch umwerfend gut, als sie ihren Arzt aufsuchte. Daran sollte sich auch nicht viel ändern, was aber nicht unbedingt der Therapie zuzuschreiben war. Sie erhielt immer höhere Dosen eines oralen Antidiabetikums, das sie brav einnahm, und laborierte eine ganze Weile herum.

„Nur eines ist“, gestand sie eines Tages dem Vertretungsarzt. „Wenn ich das Pulverl in der Früh nehme, dann muss ich immer gleich ein paar Löfferl Zucker dazu essen, sonst geht es mir gar nicht gut.“

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