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6. April 2011

Jedem seine Angst

J. ist verzweifelt. Heute sprach er mit einem Leiterwagen voller Papiere, Wasserflaschen und Konservendosen bei seinem Radiologen vor. Er bat um überzählige Bleiwesten und wollte sich mit seinen Vorräten in der Ordination, wahlweise auch im Keller, einbunkern. Auf die Idee, und er war dafür sehr dankbar, hatte ihn Ö3 gebracht. Dort erklärte nämlich ein Krisenexperte, wo es die Menschen im Katastrophenfall zuerst erwischt und worauf man sich leicht vorbereiten könne – bitte das nicht falsch zu verstehen, das sei keine Handlungsanweisung für den Fall einer weiteren Eskalation in Japan, wurde zur Sicherheit noch angefügt, damit auch wirklich alle den Zusammenhang herstellen.

Also erklärte J. der Röntgenassistentin, dass er einen Rucksack mit seinen wichtigsten Papieren gepackt hatte, „denn die Behörden sind vermutlich wie die Kakerlaken, die überleben alles“. Dazu noch einen Vorrat an Mineralwasser und Nahrungsmitteln und einen handgeschriebenen Zettel mit Telefonnummern, falls der Akku des Mobiltelefons die Freigabe der gespeicherten Nummern verweigert.

Erst wusste der Radiologe nicht so recht, was er mit J. machen sollte, aber als die Röntgenassistentin in Tränen ausbrach, musste er die Ordination verlassen. Natürlich gab J. trotzdem nicht auf. Er organisiert jetzt eine Selbsthilfegruppe, die sich ganz der Vorsorge für den Katastrophenfall verschrieben hat, und recherchiert die Anzahl der Röntgenfachinstitute, der ledigen Röntgenologen und kinderlosen Röntgenassistenten, um daraus die Zahl der von den Fachärzten und ihren Familien nicht benötigten überzähligen Bleiwesten zu extrapolieren. Er hofft, dass er demnächst auch im Radio zu dem Thema sprechen darf.

Und das ist nur geringfügig absurder als die Debatten um Jodtabletten und Wolken, die die österreichischen Schwammerlsucher in ihrer Existenz bedrohen könnten. Während nämlich hier kollektiv wichtigtuerisch Panik verbreitet wird, gibt es in Japan wirkliche Probleme. Davon sollten wir nicht ablenken.

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