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Foto: photos.com / Ärzte-Woche-Montage
 
8. Februar 2011

E-Mail-Medizin

Leider konnte seine Freundin nicht verhindern, dass J. die Geschichte von der Zwiebel erfährt. Von wohlmeinender, aber schlecht informierter Seite erreichte ihn die per Mail versandte Botschaft, dass in der Wohnung aufgestellte, halbierte Zwiebeln vor Ansteckung schützen und dem Körper sogar schädliche Krankheitskeime entziehen würden. An diesem Abend legte sich seine Freundin in ein Bett, das von einem magischen Zwiebelring umgeben war. Am nächsten Morgen stieß sie sich im Bad die Füße an Zwiebelschälchen und tapste auf Zehenspitzen zwischen Zwiebelkisten durch die Küche.

Das Bildnis des Dorian Gray

Der Wirknachweis der Methode wurde gnadenlos geführt. Der unbekannte E-Mail-Autor ließ hier keine Zweifel: „Meine Tante hat sich keine Zwiebel in die Wohnung gelegt“, hieß es da folgenschwer, „und sie wurde krank!“

J. schritt sofort zum Selbstversuch und sah die wundersame Wirkung bestätigt: Um ihn herum stapelten sich Zwiebeln in verschiedenen Stadien des Verfalls, während er sich bester Gesundheit erfreute. Das E-Mail hatte diese Ereignisse vorhergesagt: Die Zwiebeln taten ihre Pflicht und entzogen seinem Körper alles Krankmachende, was sie schneller altern ließ.

Seine Freundin duldete das Experiment, weil J. sich endlich rundum gesund und lebendig fühlte und sogar für allerhand Unternehmungen zu gewinnen war. Denn, um ehrlich zu sein, war auch er froh, wenn er die stinkende Wohnung verlassen konnte.

Wissenschaft vs. Oper

Das Zwiebelwunder – und damit auch die Theaterbesuche und Opernabende – drohten allerdings ein jähes Ende zu nehmen, als J. von der vielen Zwiebelsuppe Blähungen bekam. „Vielleicht war das doch alles Blödsinn“, murrte er, als er sich am frühen Nachmittag ins Bett legte. Er fühlte sich mit jeder Minute schlechter.

Seine Freundin überlegte kurz, ob sie sich auf eine Diskussion über Wissenschaft und Medizin, Null-Hypothesen und den Effekt von Zwiebeln auf ihr Sozialleben einlassen sollte. Aber dann ging sie doch lieber einkaufen.

Bei ihrer Rückkehr präsentierte sie eine, in buntes Seidenpapier gewickelte, riesige Zwiebel. „Ich glaube, ich habe mal irgendwo gehört, dass Allium gigantica besonders gut wirkt. Man darf allerdings nie mehr als ein Stück auf einmal anschneiden, wegen der Aura oder so. Die Zwiebel ist wohl ein sehr einzelgängerisches Gemüse“, erklärte sie.

„PS.: Ich empfehle Allium gigantica und, auch bei hartnäckigen Infekten, nie mehr als ein Stück. Bei mir wirkt es hervorragend“, klopfte J. nach ein paar Tagen in die Tasten seines Laptops, als er die Zwiebelmail weiterschickte.

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