zur Navigation zum Inhalt
Foto: photos.com / Ärzte-Woche-Montage
 
25. Jänner 2011

Arzthaftung

Um der Schweinegrippe zu entkommen, nahm J. ein paar Tage Urlaub. Und weil er alles, was er tut, ordentlich macht, kann er sich auch besonders gut fürchten. Ob es einen realen Anlass zur Furcht gibt, ist dabei sekundär. Er kann auch besser krank sein als die meisten anderen Leute, ja sogar mitunter, ohne, streng genommen, überhaupt krank zu sein.

Sie werden es also schon ahnen: J. verbrachte seine freien Tage mit dem Fieberthermometer, das sich allerdings standhaft weigerte, höher zu klettern, einer Familienpackung Vitaminpillen und einem Sortiment Hustensäfte, um das ihn jede mittelgrößere Apotheke beneidet hätte, im Bett. Morgens und abends musste ihn seine Freundin in Essig, Alkohol und Joghurt wickeln, dazwischen schwitzte er ganz fürchterlich und mühte sich redlich, aber vergebens, zu husten, was er den Hustensäften zu Gute hielt, die er im Stundentakt verkostete.

Allerhand Ideen

In seiner Langeweile verfiel J., im Grunde ja ein sehr gescheiter Mensch, der mit Liegen, Schwitzen und Husten einfach nicht ausgelastet ist, auf allerhand Ideen. Am dritten Tag stand er auf, schleppte sich zum Telefon und rief seinen Anwalt an: „Ich habe mir gerade überlegt“, hauchte er schwach ins Telefon, „ein paar Ärzte zu verklagen. Ich wäre nämlich zum Beispiel lieber als Frau geboren worden. Niemand hat mich darüber aufgeklärt, wie das so ist als Mann – Männer haben schließlich die geringere Lebenserwartung. Das ist ja nicht gar nichts! Dann mein Hausarzt ... “, hier legte J. eine kurze Hustenpause ein.

„Geht es hier um die Frage eines Behandlungsfehlers?“, fragte der Anwalt, der erstaunlich sachlich blieb, wohl weil er J. ja auch schon kannte. „Nun, nicht so direkt“, musste der zugeben. „Aber es ist doch so: Da gehe ich jetzt seit Jahren jede Woche zu meinem Hausarzt und der kann einfach keine Erkrankung feststellen. Das kann doch nicht sein! Hören Sie“, redete er sich langsam in Rage, „ich bin über 35, meine Knie sind angeschlagen, mein Rücken tut weh, meine Zähne sind voller Plomben, ich fühle mich ständig schwach, in meiner Familie gibt es mehrere genetische Prädispositionen für äußerst unangenehme chronische Erkrankungen – unter diesen Voraussetzungen ist es doch völlig un-mö-glich, dass ich gesund sein soll. Der Arzt muss da etwas übersehen!“

Die kurze Pause, die J. brauchte, um Luft zu holen, nutzte der Anwalt, um ihm von einer Klage abzuraten und ihn stattdessen zum Arzt zu schicken. Seine Freundin verbot J. , „Arzthaftung“ zu googeln, was unter der Androhung, die Wärmedecke zu entsorgen, Erfolg zeigte, und sein Hausarzt attestierte ihm eine leichte Erkältung. Damit war die Sache für J. erst einmal erledigt.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben